Brief an meine Nichte

Ich sollte zur Konfirmation meiner Nichte (fast 14) einen Beitrag zu einem von der Verwandtschaft gestalteten Konfirmationsbuch leisten. Hier ist das (möglicherweise nicht völlig altersgerechte) Ergebnis. Es enthält Prisen von Existenzphilosophie und Aufruf zur Rebellion gegen Autoritäten.

Liebe M.,

in den Augen der Kirche wirst Du in wenigen Tagen erwachsen sein. Mit der Konfirmation nimmt die Kirche dich in die Gemeinschaft der „großen“ Gläubigen auf. Ich bin ein wenig ratlos, was ich Dir sagen soll. Denn einerseits ist Gemeinschaft etwas sehr Wichtiges und ich freue mich für Dich, dass Du diese Gemeinschaft erleben darfst; ich wünsche Dir von ganzem Herzen, dass Du den Wert dieser Zugehörigkeit spüren kannst.

Wir können als Menschen nicht gut auf Dauer alleine sein. In fast allem, was wir tun, sei es in der Familie, gegenüber Freunden, Geschwistern, in der Schule, später dann in Ausbildung, Studium, Beruf und Partnerschaft sind wir auf andere Menschen angewiesen, und es hängen andere Menschen von uns ab. Aus diesen vielen gegenseitigen Abhängigkeiten kann Freude ebenso wie Leid erwachsen, auf jeden Fall entsteht aber eine Verantwortung für unser eigenes Tun dort, wo es andere Menschen berührt. Ich habe versucht, mich daran zu erinnern, wie ich selbst mit 13 über diese Dinge gedacht habe. Es ist mir nicht recht gelungen. Vermutlich habe ich in dem Alter noch gar nicht darüber nachgedacht. Sollte es mir gelingen, Dich mit diesen Zeilen zu eigenen Gedanken über das Leben und seinen Sinn anzuregen, so wäre ich darüber sehr froh.

Andererseits ist dein Onkel ein gottloser Mensch. Er glaubt weder an ein Leben nach dem Tod noch an einen Gott. Er glaubt daher (Beweise hat er natürlich nicht!), dass die Kirche auf einem komplett ausgedachten Sachverhalt beruht. Ihm ist der Wert von Religion allerdings bewusst. Sie hilft uns, unser Zusammenleben zu organisieren, sie hilft uns, dem Leben einen Sinn zu geben, sie tröstet uns, wenn wir uns dagegen empören, dass wir sterben müssen. Ich selbst halte die Antworten der Kirche aber, bitte verzeih das harte Wort, für einen Selbstbetrug. Wir reden uns etwas ein, damit uns das Leben leichter wird. Darin ist der Mensch ziemlich gut: Wir denken uns etwas aus, und indem wir es uns ausdenken, wird es in dem Moment wirklich, in dem wir unser Handeln daran ausrichten.

Liebe M., ich will Dir Deine schöne Konfirmationsfeier nicht verderben. Und zugleich wünsche ich mir, dass Du dich nicht vorschnell mit einfachen Antworten zufrieden gibst. In Deinem Alter entscheiden noch die Erwachsenen für Dich. Deine Eltern und Deine Lehrer sagen, was richtig ist, und Du musst Dich fügen. Das wird noch eine Weile so bleiben. Und es ist auch okay. Denn es geschieht, allermeistens jedenfalls, wohlwollend und fürsorglich und in Deinem Interesse, allerdings in Deinem Interesse, so wie es die Erwachsenen sehen. Das kann schon mal davon abweichen, wie Du selbst die Dinge siehst, und das kann ganz schön nerven.

Dennoch möchte ich Dich ermutigen: Finde Deine eigenen Antworten auf die wichtigen Fragen des Lebens. Fange jetzt damit an. Es sind Fragen wie: Wozu bin ich da? Welchen Sinn will ich meinem Leben geben? Was ist mir wichtig? Sie zu beantworten ist alles andere als leicht. Aber da es Fragen sind, die sich jeder Mensch stellt, der nicht völlig vernagelt ist, wirst Du in Literatur, Philosophie, Geschichte, aber auch in Gesprächen mit Familie und Freunden viele kluge Antworten finden können. Doch bedenke: Es sind die Antworten der anderen. Finde Du deine eigenen.

Dein Onkel Frank

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