Es ist kompliziert

Das Bezirksamt von Berlin-Köpenick hat zwei Aktfotos aus einer Ausstellung entfernt. Die betroffenen Hobbyfotografen werfen der Behörde Zensur vor. Die Empörung in Medien und Kommentaren ist groß und einhellig: Die Freiheit der Kunst werde mit Füßen getreten. Doch so einfach ist die Sache nicht. Die Entscheidung war richtig, aber nicht gut begründet.

Die Ausgangslage

Berliner Fotoclubs zeigen Arbeiten ihrer Mitglieder im Rathaus Köpenick. Im April 2016 stellen knapp 200 Amateurfotografen 330 ihrer Werke aus. Über die Auswahl der Fotografien entscheiden die Clubs. Nun hat das Kulturamt zwei Aktfotos aus der Ausstellung entfernen lassen. Einer der betroffenen Fotografen ist Wolfgang Hiob, dessen Clubmitglieder aus Solidarität alle Werke zurückgezogen hat. Die Empörung ist groß, nachzulesen etwa in der WELT, im Tagesspiegel und in den zugehörigen Kommentaren dort und auf Twitter.

Die Argumente der Behörde

Kulturamtsleiterin Annette Indetzki begründete den Schritt der Behörde doppelt. Erstens hätten sich Rathausmitarbeiterinnen und eine Bürgerin beschwert. Zweitens wolle man die religiösen Gefühle von Migranten nicht verletzen.

Die Argumente der Kritiker

Der kleine Bildersturm bringt viele Kommentatoren auf die Palme. Sie sehen die grundgesetzlich garantierte Kunstfreiheit verletzt. Zudem opfere die Behörde im vorauseilenden Gehorsam für eine religiöse Minderheit westliche Freiheitswerte. Andere Kritiker bezeichnen die Entscheidung als rassistisch, da sie Muslimen eine Haltung unterschiebe – nämlich sich von Nacktheit im öffentlichen Raum abgestoßen zu fühlen -, die selber Stereotypen bediene.

Pin-ups in der Autowerkstatt

War es denn nun richtig, die Aktfotos zu entfernen? In meinen Management- und Ethikkursen diskutiere ich einen ähnlichen Fall. Dort sollen sich die Studierenden in die Rolle des Filialleiters eines Autohauses versetzen, bei dem sich eine Kundin sehr energisch beschwert. Sie fühlt sich sexuell belästigt. Der Grund: In der Werkstatt haben die Mechaniker großformatige Aktaufnahmen aufgehängt. Kunden können die Pin-up-Poster sehen, wenn sie den Wagen zur Inspektion bringen.

Einig sind sich die Studierenden stets, dass die Poster abgehängt werden müssen und der Filialleiter die Pflicht habe, umgehend dafür zu sorgen. In den Details gibt es interessante Variationen, so schlagen die Studierenden oft vor, dass die Mechaniker ihre Poster an einer anderen, für Kunden nicht zugänglichen Stelle wieder aufhängen dürfen. Aber alle sind sich einig, dass im Konflikt der Ansprüche das Recht der Kundin, sich nicht sexuell belästigt zu fühlen, den Vorrang hat. Wohlgemerkt selbst dann, wenn das Gefühl der Belästigung subjektiv ist und keineswegs von allen Frauen geteilt werden muss. Die Studierenden billigen in der Sache somit Frauen ein individuelles Vetorecht zu. Begründet wird es damit, dass die Kundin keine Möglichkeit hat, den Anblick der Aktposter zu vermeiden, es sei denn um den Preis, die Werkstatt zu wechseln.

Nun könnte die geneigte Leserin* argumentieren, die bis hierhin durchgehalten hat, dass es doch einen Unterschied mache, ob künstlerisch wertvolle Aktfotos oder aufreizende Ausklappbilder entfernt werden sollen. Dem möchte ich mit dem Argument begegnen, dass es in der Moderne unmöglich geworden ist, objektive Kriterien dafür anzugeben, was Kunst sei und was nicht. *Männer sind mitgemeint.

Versuch einer Bewertung aus ethischer Sicht

Eine freiheitliche Gesellschaft muss sich tatsächlich nicht von einer Minderheit in Geiselhaft nehmen lassen und sich deren Wertvorstellungen zu eigen machen. Es ist ja gerade der Wesenskern der Freiheit, es auszuhalten, dass andere Menschen eigene Geschmacks- und andere Urteile fällen, die unseren eigenen Wertvorstellungen nicht entsprechen. Der Schlüssel zur Lösung scheint mir aber in der Wahlfreiheit zu liegen.

Rathausmitarbeiterinnen und Besucher haben diese Wahlfreiheit nicht. Sie müssen im Rathaus ihrer Arbeit nachgehen oder ihre Behördengänge erledigen und können sich dem Anblick der Aktfotos nicht entziehen. Wie im Beispiel der Autowerkstatt gilt deshalb: Wenn sich jemand beschwert, müssen die Fotos weg. Mit Zensur hat das nichts zu tun. Es hängen nur Bilder am falschen Ort. Vielleicht zeigen die Berliner Fotofreunde ihre Werke nächstes Jahr in einem Museum. Dann sehen nur jene Betrachter die anstößigen Bilder, die das auch wollen.

Schafft die Noten ab!

Die Notenvergabe an der Hochschule vergiftet die Beziehung zwischen Studenten und Dozenten. Sie lenkt die Aufmerksamkeit der Lernenden auf die falschen Dinge. Sie korrumpiert die Lehrenden. Auch die Arbeitgeber orientieren sich an den Abschlussnoten und gehen dabei in die Irre.

Für Eilige: Eine Kurzfassung des Beitrags erschien als Gastkommentar im ZEIT-Chancen-Brief vom 4.2.2016. Hier weiterlesen.

Wer in den späten 80ern ein Physikstudium absolvierte, dessen Diplomprädikat setzte sich aus fünf Einzelnoten zusammen – vier mündlichen Prüfungen und einer Diplomarbeit. In der Nach-Bologna-Ära bringt der Absolvent eines Bachelorstudiums knapp 30 Prüfungen hinter sich, deren Resultate alle in die Gesamtnote einfließen. Das macht die Noten zum Dreh- und Angelpunkt im studentischen Leben. Von Beginn an sind Studierende auf die Prüfungsleistungen fixiert. Einige setzen sich dabei selbst fürchterlich unter Druck. Schon eine verpatzte Prüfung kann existenzielle Sorgen auslösen. Ein „Befriedigend“ im ersten Semester wird da schnell zum Vorboten späterer Arbeitslosigkeit.
Während des Kurses kreisen die Gedanken mehr um die Prüfung als um den gemeinsam bearbeiteten Stoff. „Ist das prüfungsrelevant?“ ist die wohl häufigste Frage, die Dozenten hören. Vorausgesetzt, in der Prüfung wird nicht nur Lehrbuchwissen abgefragt, sondern es werden Kompetenzen getestet, wäre die ehrliche (aber selten gegebene) Antwort: Alles ist prüfungsrelevant, auch das, was die Studierenden außerhalb der Präsenzveranstaltungen lernen, und möglicherweise sogar Dinge, die gar nichts mit dem Studium zu tun haben.
Es gäbe eine einfache Maßnahme, um für mehr Entspanntheit und zugleich Konzentration im Studium zu sorgen: Schafft die Noten ab. Wohlgemerkt: Schafft die Noten ab, nicht die Prüfungen. Selbstverständlich haben die Studierenden einen Anspruch darauf, eine ehrliche Rückmeldung zu ihrem Leistungsstand zu erhalten. Feedback ist für das Lernen unverzichtbar. Aber ein Beurteilungsgespräch zwischen Dozent und Student wäre dafür weitaus ergiebiger, als eine dürre Note ohne weitere Erläuterungen verpasst zu bekommen. Selbst dann, wenn es eine sehr gute ist.
Ohne Noten fiele der Anreiz zur Kumpanei weg, dem überarbeitete Professoren erliegen. Über 80 Prozent der Studierenden an deutschen Hochschulen erzielen stets gute bis sehr gute Noten. Und es werden immer mehr. Dem Wissenschaftsrat ist diese Noteninflation schon lange ein Dorn im Auge. Die Experten im Beratergremium der Bundesregierung glauben nicht, dass die Studenten immer besser werden. Treiber der Inflation ist vielmehr eine unausgesprochene Verabredung zwischen Dozent und Student nach dem Motto: Ich gebe dir eine gute Note, dafür lässt du mich bitte in Ruhe. Der Autor weiß aus vielen Jahren des Lehrens an Hochschulen, dass es Kraft kostet und die Redlichkeit strapaziert, der Versuchung zu widerstehen. Es wäre aber eine Menge gewonnen, wenn der Widerstand nicht nur aus der inneren Haltung des Hochschullehrers und seiner (oder ihrer) ethischen Grundüberzeugung heraus geleistet werden müsste. Wenn die Beurteilung der Studienleistungen von vornherein in Form von Feedbackgesprächen oder kleinen Gutachten erfolgt, ist das Problem der zu guten (und damit im Grunde unfairen) Benotung aus Faulheit einfach verschwunden.
Ich höre schon die Einwände: Was für ein Aufwand! Stimmt. Aber starke und schwache Studierende machen dann immerhin gleich viel Arbeit. Und clevere Dozenten werden die Beurteilung in die Lehrveranstaltung integrieren. Dann hält sich die Zusatzarbeit in Grenzen.
Zeugnis ohne Noten? Woran sollen sich die Arbeitgeber halten? Richtig ist, dass die Examensnote einmal im Berufsleben eine wichtige Rolle spielt, nämlich zu dessen Beginn. Später punkten Kandidaten in Bewerbungsverfahren mit nachgewiesenen beruflichen Erfolgen und im Job gezeigten Qualitäten. Doch die Examensnote ist nur eine Hilfsgröße. Unternehmen orientieren sich an ihr, weil die Bewerber noch wenig anderes vorzuweisen haben.
Anders herum wird deshalb ein Schuh draus: Wenn es keine Noten mehr gibt, werden andere Merkmale wichtig: die Dauer des Studiums, inner- und außeruniversitäres Engagement, Praktika. Das Plädoyer gegen Noten geht außerdem nicht so weit, Examenszeugnisse ohne Beurteilung auszustellen. Künftig gehört zum Zeugnis ein Kurzgutachten. Darin bündelt die Hochschule das Feedback, das die Studierenden über das ganze Studium hinweg erhalten haben.
Schon heute wird zum Zeugnis ein umfangreiches Diploma Supplement mitgeliefert, das die Studieninhalte und –umfänge detailliert auflistet. Künftig kommt ein Referenzschreiben hinzu, das über Kompetenzen und Fähigkeiten eines Absolventen Auskunft gibt und ähnlich aufgebaut wäre wie ein Arbeitszeugnis oder eines der Gutachten für Stiftungen und Begabtenförderwerke, die Dozenten ihren Studierenden schon heute dutzendfach ausstellen. Verwirklichungschance der Idee? Gering. Aber es tut gut, einmal darüber nachgedacht zu haben.

Über das Gastrecht und seine Grenzen

„Wer sein Gastrecht missbraucht, hat sein Gastrecht verwirkt.“ Seit den Ereignissen der Silvesternacht 2015 eint der Satz das politische Spektrum Deutschlands von links bis rechts. Am Kölner Hauptbahnhof hatten Gruppen von jungen ausländischen Männern Frauen auf widerlichste Weise bedrängt und sexuell genötigt. Es zeichnet sich ein überparteilicher Konsens ab, Flüchtlinge und Ausländer schneller aus dem Land zu werfen als bisher, wenn sie mit dem Gesetz in Konflikt geraten oder die Werte einer freiheitlichen Gesellschaft mit Füßen treten. Man darf annehmen, dass es unter den Deutschen dafür eine breite Mehrheit gibt. Auch der Autor ertappt sich dabei, wie seine gefestigte linksliberale und fremdenfreundliche Gesinnung zu bröckeln beginnt.

Wie geht man mit Gästen um, die sich nicht zu benehmen wissen? Die Bilder im Kopf sind mächtig. Da lädt man die neuen Bekannten zum Abendessen ein. Der Tisch ist nett dekoriert, vielleicht brennt auch eine Kerze, die Gastgeber haben sogar die störrische Tochter bewegen können, dabei zu sein. Doch kaum sind die Gäste da, pöbeln sie herum, machen anzügliche Sprüche, betatschen Tochter und Ehefrau und versuchen, das Tafelsilber mitgehen zu lassen. Was tut man da? Der Hausherr schmeißt die Leute raus und sorgt dafür, nie mehr etwas mit ihnen zu tun zu haben. So ähnlich soll es jetzt den straffälligen Flüchtlingen ergehen. Dagegen ist doch nicht zu sagen, oder?

Ein kleines Aber möchte ich anbringen, auch gegen die eigene Wut und Empörung. Darf man die üblen Gäste immer und unter allen Umständen rauswerfen? Was wäre, wenn draußen ein Wintersturm tobte und die Leute erfrören? Vielleicht sperrt man sie dann doch lieber in den Keller.

Zurück zu den Flüchtlingen. Strafe muss sein. Aber sie muss zu den uns eigenen rechtsstaatlichen Bedingungen erfolgen. Und wir sollten Menschen nicht dorthin abschieben, wo ihnen Folter und Tod drohen. Sonst geht mehr kaputt als die weltoffene Haltung einer Nation. Dann hätten wir unsere humanistischen Werte selber zerstört und mehr Schaden angerichtet, als es ein enthemmter Mob einiger hundert Männer je tun könnte. Über zusätzliche und vorbeugende Freiheitsbeschränkungen wie Residenzpflicht und strenge Meldeauflagen für verurteilte ausländische Straftäter könnte man aber nachdenken. Kühlen Kopf und ein warmes Herz zu bewahren, das sind wir uns selbst und den Hundertausenden unbescholtener Flüchtlinge schuldig.

Das Gift des Kriegsgeschreis

Die Rede vom „Krieg gegen den Terror“ lenkt das Denken in eine grässliche Sackgasse. Das war nach dem Angriff auf die Zwillingstürme des World Trade Centers so. Und es geschieht nach den Terroranschlägen von Paris erneut. Gedanken, ausgelöst durch eine E-Mail aus dem September 2001.

Meine Frau grub über den Jahreswechsel in alten Erinnerungen. Sie fand eine E-Mail vom 13. September 2001. Darin fragte sie: „Sind wir jetzt im Krieg?“ Zwei Tage waren seit der Terrorattacke auf das World Trade Center vergangen, dreitausend Menschen tot. US-Präsident George W. Bush hatte bereits seinen Krieg gegen den Terror ausgerufen, Bundeskanzler Gerhard Schröder dem US-amerikanischen Volk die uneingeschränkte Solidarität der Deutschen erklärt. Ich schrieb eine beruhigende Antwort. Krieg fände zwischen Staaten statt. Davon seien wir weit entfernt. Terroristen ließen sich nicht mit Panzern oder Kampfflugzeugen bekämpfen, vielmehr sei es Sache von Polizei, Geheimdiensten, Anklagebehörden und Gerichten, Terrorgruppen entgegenzutreten, die die freie Welt bedrohten. Ich habe mich damals sehr geirrt. Und ich hatte vollkommen recht.

Wer nur einen Hammer hat, für den wird jedes Problem zum Nagel. Das Reden in Begriffen des Krieges vergiftete das Denken der Politiker. Die Vereinigten Staaten von Amerika und ihre Verbündeten begannen tatsächlich, Krieg zu führen. Dabei warfen sie elementare Prinzipien einer freiheitlichen Gesellschaft ebenso über Bord wie die Menschenrechte und die Grundlagen des demokratischen Rechtsstaates.

Es war völlig vergeblich. Die Bilanz ist verheerend:

  • Die US-Regierung ließ Terroristen und Menschen, die sie für Terroristen hielt, fangen, foltern und einsperren. Ohne Anklage und Prozess. Bis heute. Seither verbitten sich autokratische Herrscher jeder Färbung frech jede westliche Einmischung. Im Lager Guantanamo sitzen noch immer über 100 Gefangene.
  • Friedensnobelpreisträger Barack Obama lässt einen Drohnenkrieg führen. Ferngesteuerte bewaffnete Flugobjekte töten Terrorverdächtige aus der Luft – oder solche, die (teils dubiose) Geheimdienste dafür halten. Die Zahl der Toten in Afghanistan und Pakistan, wo die meisten Drohnenangriffe stattfinden, ist unklar. Klar ist, dass Millionen Menschen im Schatten des Todes leben müssen und Hunderte, wenn nicht Tausende Unbeteiligter starben. Und sterben. Mit jedem toten Kind, jeder toten Frau und jedem ohne Prozess getöten Terroristen tötet der Westen auch seine Werte. Genährt wird nur der Hass.
  • Die gewaltigen Militäraktionen des Westens im Irak und in Afghanistan haben Milliarden Dollar verschlungen und Zehntausende Leben gekostet. Erreicht haben sie nichts. Die Welt ist nicht sicherer, der Terror nicht schwächer. Stattdessen gibt es im Nahen und Mittleren Osten drei zerfallende Staaten, Syrien muss man mitzählen, in denen der Krieg aller gegen alle gut gedeiht.

Ich hatte also recht: Der Krieg gegen den Terror funktioniert nicht. Und ich habe mich geirrt: Er wird dennoch geführt. Hätten nüchternere Staatenlenker, als George W. Bush einer war, die Rede vom Krieg vermieden? Hätte die Geschichte einen anderen Pfad genommen, wenn sich die freie Welt zur entschlossenen Verteidigung ihrer Werte bekannt hätte? Dann wäre womöglich die Selbstermächtigung unterblieben, ohne Skrupel Unschuldige zu opfern, den Rechtsstaat und die eigenen Werte mit Füßen zu treten.

Wut und Trauer machen blind. Wir lernen nichts. Der französische Präsident Francois Hollande hat nach den Anschlägen von Paris im November 2015 dem Terrorismus den Krieg erklärt, wie Bush es 2001 tat. Die französische Luftwaffe wirft Bomben auf Syrien. Wer nur einen Hammer hat, für den wird jedes Problem zum Nagel. Die Geschichte wiederholt sich. Erst als Tragödie, dann als Farce.*

 

*Im Original ein Zitat von Karl Marx: „Hegel bemerkte irgendwo, daß alle großen weltgeschichtlichen Tatsachen und Personen sich sozusagen zweimal ereignen. Er hat vergessen, hinzuzufügen: das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce.“ Karl Marx/Friedrich Engels – Werke, Band 8, „Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte“, Berlin 1972, S. 115. Online hier.

 

Was bedeutet Studieren neben dem Beruf?

Studium plus Arbeit ist schwierig, aber nicht unmöglich. Oft zahlt sich die Anstrengung aus.

Berufsbegleitend zu studieren bedeutet, zwei zeitraubende Tätigkeiten miteinander zu kombinieren. Österreichische Fachhochschulabsolventen gaben in einer Studie aus dem Jahr 2012 an, 60 Stunden pro Woche für Arbeit und Studium aufzuwenden. Ein Fünftel schuftete sogar 70 Stunden und mehr. Die Zahlen passen gut zu den Erhebungen über den Zeitbedarf eines Vollzeitstudiums. Nach einer Umfrage der Uni Konstanz widmet sich der deutsche Durchschnittsstudent an 32 Stunden in der Woche seinem Studium (Studierendensurvey 2014). Das bedeutet: Ein Studium neben dem Beruf stellt hohe Anforderungen an Motivation, Disziplin, Organisationstalent, Fleiß und Willen. Verlässliche Statistiken sind rar. Nach Angaben des Onlineportals studieren-berufsbegleitend.de stellten sich Jahr 2012 immerhin 133.000 Frauen und Männer der Herausforderung, eine Vollzeittätigkeit und ein Studium unter einen Hut zu bringen. Zwar ist es sehr anstrengend, berufsbegleitend zu studieren. Das Modell hat aber auch einige Vorteile.

Pluspunkte Zähigkeit, Willen und Organisationstalent

Absolventen punkten mit ihrem berufsbegleitend erworbenen Abschluss in Bewerbungen. Arbeitgeber sind davon sehr angetan. Denn der Kandidat oder die Kandidatin dokumentiert Zähigkeit, Entschlossenheit, Organisationstalent und viele weitere Kompetenzen, die Arbeitgeber schätzen. Zahlreiche Umfragen stützen diesen Punkt.

Meist wird das gewählte Fach einen Bezug zur aktuellen Berufstätigkeit aufweisen. Studierende können dann Studieninhalte direkt in der Praxis erproben und Anliegen und Herausforderungen aus dem Beruf ins Studium einbringen. Gerade an der SRH Hochschule Heidelberg eröffnet die moderne Didaktik nach dem CORE-Modell dafür viele Möglichkeiten. Mit anderen Worten: Berufstätige holen aus ihrem Studium das Maximum an Kompetenzerwerb heraus.

Maximaler Gewinn

Hochschulen wie die SRH Hochschule Heidelberg haben Studiengänge inzwischen so flexibel organisiert, Präsenzveranstaltungen auf den Abend und die Wochenenden gelegt, die Anerkennung berufspraktischer Kompetenzen großzügig geregelt und hochwertige Studiendokumente für Selbst- und E-Learning-Phasen geschaffen, dass das berufsbegleitende Studium nicht länger dauern muss als ein Vollzeitstudium. Das ist ein wichtiges Qualitätsmerkmal. Denn die Abbruchquoten in Fernstudiengängen sind u.a. auch deshalb hoch, je nach Anbieter zwischen 30 und 70 Prozent, weil die Motivation über die lange Strecke von fünf bis sechs Jahren häufig leidet.

Dennoch gilt es Durststrecken zu durchstehen. Unterstützung ist wichtig. Wenn Familie, Freunde und vielleicht sogar der aktuelle Arbeitgeber die Studienwahl unterstützen, dann lassen sich Schwierigkeiten leichter überwinden. Einzelkämpfer dagegen habe es schwer.

Ein wenig Erleichterung schaffen die Bildungsurlaubs- und Bildungszeitgesetze. Immerhin 13 von 16 Bundesländern haben inzwischen (2015) für Arbeitnehmer die Möglichkeit geschaffen, fünf Tage Extra-Urlaub zu nehmen, wenn er für Weiterbildungen eingesetzt wird. Studierende an der SRH Hochschule Heidelberg profitieren davon. Kleines Bonbon: Das Finanzamt akzeptiert die Weiterbildungskosten in vollem Umfang als steuermindernd. Bei Gutverdienern kann das die Hälfte der Studiengebühren ausmachen.

Bahngeschichte XI: Die Begleitperson

Schwerbehinderte dürfen in öffentlichen Verkehrsmitteln eine Begleitperson kostenlos mitnehmen. Der Anspruch folgt aus elementaren Grundrechten. Er darf aber nicht missbraucht werden. Zwei ärgerliche Beispiele.

Der bekannte Autor und Behindertenaktivist Raul Krauthausen hat heute einer Schwarzfahrerin geholfen. Sein Tweet darüber erhielt binnen weniger Stunden rund 20 beifällige Kommentare, wurde hundertfach geteilt und besternt (hier geht’s zum Tweet und den Interaktionen).

S-Bahn: „Fahrausweise bitte!“
Ich roll durch die Reihen & frage wer ein Ticket braucht. Ältere Dame meldet sich und wird meine Begleitperson

Was auf den ersten Blick wie ein spontaner freundlicher Akt aussieht, wirft eine interessante ethische Frage auf und entpuppt sich – um das Ergebnis vorwegzunehmen – als Missbrauch eines Privilegs.

Schwerbehinderte dürfen in öffentlichen Verkehrsmitteln eine Begleitperson kostenlos mitnehmen. Menschen, die eine Laune der Natur in den Rollstuhl zwingt oder in anderer Weise hilfsbedürftig macht, sollen so mobil sein könnnen wie alle anderen Leute auch. Was aussieht wie ein Privileg, ermöglicht Menschen mit Behinderung also erst die gleichberechtigte Teilhabe und Teilnahme am öffentlichen Leben. Begleitpersonen in der Bahn mitzunehmen ist also gar keine Bevorzugung, sondern nur der Ausgleich eines Nachteils. Der Anspruch darauf folgt aus den Grundrechten. Der öffentliche Raum soll allen Menschen in gleicher Weise zugänglich sein. Das wird allgemein akzeptiert, auch wenn es Geld kostet.

Was aber, wenn ein Rollstuhlfahrer spontan eine Schwarzfahrerin als Begleitperson ausgibt und diese so davor schützt, erwischt zu werden? Dann verwandelt sich der selbstverständliche Anspruch in ein Privileg, genauer: in dessen Missbrauch. Schwarzfahren gilt vielen Menschen zwar als Kavaliersdelikt. Die Berliner Verkehrsbetriebe sind eine unpersönliche Institution, da fällt der Diebstahl leicht. Diebstahl? Klar! Die Gesamtheit der Schwarzfahrer beklaut die Gesamtheit der ehrlichen Fahrgäste um diejenige Summe, die die Tickets preiswerter sein könnnten, wenn alle für die Beförderung bezahlten. Das sind zwar in jedem einzelnen Fall nur Bruchteile eines Cents. Ein Diebstahl bleibt es gleichwohl. Indem Krauthausen ihn unterstützt, macht er sich zum Komplizen. Es erzeugt bei mir einen zusätzlichen schalen Beigeschmack, dass sich der Behindertenrechtsaktivist damit öffentlich schmückt.

Wie schmal der Grat zwischen ethisch gut begründetem Anspruch und Missbrauch eines Privilegs sein kann, verdeutlicht die folgende Geschichte. Vor einigen Jahren sprach mich im Kölner Hauptbahnhof ein sehbehinderter Mann an. Wohin ich denn wolle? Ich könne als seine Begleitperson doch kostenlos mitfahren. Nach einigem Herumgedruckse stellte sich raus, dass der Herr gar kein bestimmtes Ziel hatte, mich aber für drei Viertel des regulären Fahrpreises nach Mannheim begleitet hätte. Ich habe das Angebot dankend abgelehnt. Ein paar Wochen später sah ich den Herrn im ICE nach Berlin wieder, da hatte er einen Anzugträger im Schlepptau, der anscheinend weniger Skrupel hatte.

Der Mann hatte seine Einschränkung offenbar recht erfolgreich zum Beruf gemacht. Er verdiente Geld damit, sich Reisenden als Begleitperson anzudienen. Den Schaden hat aber nicht die Deutsche Bahn. Am Ende sind es erneut die ehrlichen Fahrgäste, die diese Trickserei durch erhöhte Ticketpreise bezahlen. Ich kann daran nichts Ehrenhaftes finden. Rein gar nichts.

 

 

Bahngeschichte X: Laternenparker bei der Bahn

An manchen Bahnhöfen sieht man sie noch: Ringlokschuppen mit Drehscheibe. Dort rostet die Weiche vor sich hin, sie wird sich nicht mehr drehen. Fenster sind eingeworfen, das Dach ist eingesunken. Nur wenige Schuppen haben ein neues Leben als Konzertsaal gefunden.

In den fächerförmig um eine Drehscheibe angeordneten Gebäuden wurden Dampflokomotiven gewartet. Deren Antrieb bedurfte viel mehr Pflege als die Elektromotoren von heute. Das Bild zeigt den Ringlokschuppen im Bahnbetriebswerk Frankfurt-Nied im Jahr 1939 – für den Lokschuppen war das eine bessere Zeit als heute, für alle anderen nicht. Aber das ist eine andere Geschichte. Heute stehen die Züge auf einfachen Abstellgleisen herum, wenn sie nicht im Einsatz sind. Die mühsame Arbeit des An- und Abkoppelns von Waggons und Lokomotiven gibt es im Personenverkehr der Deutschen Bahn praktisch nicht mehr.

Autofahrer und Gelegenheitsbahnfahrer schimpfen ja gern auf die Bahn. Sie sei zu teuer, zu unzuverlässig und zu unbequem. Dabei sind sich PKW und Zug zumindest im Parken gleich geworden. Die meisten Autos stehen wie die Züge unter freiem Himmel. Unter Mobilitätsexperten spricht man von „Laternenparkern“. Das sind Autofahrer, die ihren Wagen nicht in der eigenen Garage oder im Parkhaus abstellen, sondern am Straßenrand – eben unter der Laterne. In Großstädten ist das die Mehrzahl der Leute. Und die Deutsche Bahn gehört mit ihren Zügen dazu. Was die Parallele zu bedeuten hat, fragen Sie. Ich habe keine Ahnung. Aber in den Lokschuppen gehe ich für ein Konzert gerne.

Das Ende der Kontrolle

Der Journalismus hat seine Torwächterfunktion verloren. Jeder ist ein Autor. PR-Manager sollten sich damit abfinden, das Bild der eigenen Firma in der Öffentlichkeit nicht länger steuern zu können. Um so wichtiger wird es, durch redliche Geschäftstätigkeit und eine auf Wahrhaftigkeit und Nachhaltigkeit ausgerichtete Kommunikationskultur jeder Art von skandalisierender Berichterstattung vorzubeugen.

Es gibt sie noch: Kommunikationsmanager der alten Schule. Sie versuchen mit aller Macht, das Bild der eigenen Institution in der Öffentlichkeit zu kontrollieren. Diese PR-Verantwortlichen erkennt man daran, dass sie missliebige Journalisten vom Presseverteiler streichen. Daran, dass sie Agenturen beauftragen, die den Kunden versprechen, Beiträge in den Medien zu „platzieren“. Daran, dass sie das von handzahmen Redakteuren zur Autorisierung vorgelegte Interview mit dem Vorstandsvorsitzenden auch mal komplett umschreiben. Doch alle diese Versuche sind vergeblich. Das Internet hat uns alle zu Autoren gemacht. Die Journalisten haben ihre Türhüterfunktion über die veröffentlichte Meinung verloren. In dieser Situation gibt jeder Kommunikationsmanager, der die Kontrolle zu behalten versucht, ein peinliches Bild ab. Diese Kollegen ähneln einem Rothirsch in der Brunft. Dessen Job ist unglaublich anstrengend, das Verhalten sieht seltsam aus, und der Erfolg ist höchst ungewiss. So lautete meine These in einem Vortrag an der SRH Hochschule für Wirtschaft und Medien in Calw am 1. April 2015. Die Charts habe ich am Ende des Beitrags dokumentiert.

Der ADAC-Skandal des Jahres 2014 lieferte ein Lehrbeispiel für die Kardinalfehler der Public Relations. Zwei Tage vor der Verleihung des „Gelben Engels“ berichtete die Süddeutsche Zeitung über Manipulationen bei der Wahl des „Lieblingsautos der Deutschen“ (Beitrag im SZ-Archiv). Die Führungsetage des Clubs wies die Vorwürfe zunächst empört zurück. Bald stellten sich die Enthüllungen aber als wahr heraus. Viele Publikumsmedien stürzten sich mit Lust in die Recherche. Es folgte Bericht um Bericht über selbstherrliche Funktionäre und unsaubere Geschäfte. Am Ende lag die Reputation des Automobilclubs in Trümmern.

Selbst die geschickteste Krisenkommunikation hätte den Skandal nicht verhindert. Schließlich waren die Vorwürfe wahr. Es wäre aber möglicherweise gelungen – und der Autor ist sich des Problems kontrafaktischer Spekulationen bewusst -, dem Skandal die Spitze zu nehmen. Ein Rücktritt der Vereinsführung, externe Aufklärer, Demut und der ernsthafte Wille zur Umkehr hätten die völlige Zertrümmerung des öffentlichen Ansehens womöglich verhindern können. Doch dafür war es schon zu spät, als ADAC-Geschäftsführer Karl Obermair sich zwei Tage nach dem Bekanntwerden der ersten Vorwürfe zur Attacke entschloss. Denn dadurch kam zu den Verfehlungen noch eine Lüge hinzu. Eine Chronologie der Ereignisse findet sich hier: ADAC-Skandal2014-Handout (das Arbeitsblatt hat der Autor in Calw eingesetzt).

Eine alte Regel der PR hatte sich wieder einmal bestätigt: Die schlimmsten Fehler werden immer am Anfang gemacht. Die Zuhörer in Calw meinten denn auch, dass der ADAC durch das aggressive Leugnen das Feuer des Skandals erst richtig angefacht hatte. Das stimmt. Es gilt dennoch zu bedenken, wie leicht es ist, diese Fehler zu machen. Zu Beginn vermag sich noch keiner der Akteure so recht vorzustellen, welche gigantischen Ausmaße der Skandal annehmen könnte. Es gehört nur wenig Phantasie dazu, sich die Wut der Clubführung vorzustellen: Da kommen ein paar dahergelaufene Redakteure einer Tageszeitung daher, machen eine schöne Feier kaputt und versuchen, einem der mächtigsten Verbände des Landes ans Bein zu pinkeln. Doch gerade dann, wenn eine Institution über Jahrzehnte unangefochten war, käme es darauf an, diese ersten Impulse zu unterdrücken. Noch besser wäre es allerdings gewesen, wenn der Club durch ein sauberes Geschäftsgebaren gar nicht erst das Material des Skandals geliefert hätte. Vielleicht ist das die wichtigste Regel für zeitgemäße PR überhaupt in einer Zeit der Vielstimmigkeit: Nachhaltige Kommunikation bedeutet zuallererst Redlichkeit im Business.

Hier die Charts: Praesentation-Calw1.4.15

Bahngeschichten IX: Die gestohlene Zeitung

Eine Bahnreise ohne Tageszeitung ist möglich, aber sinnlos. Doch was tun, wenn der Bahnhofskiosk am frühen Morgen noch geschlossen ist?

Regelmäßige Leser meiner Bahngeschichten (und erfahrene Reisende sowieso) wissen, dass der schönste Ort im ICE der Speisewagen ist. Er ist zudem ein ganz egalitärer Ort. Egal ob Fahrschein erster oder zweiter Klasse, der Kellner serviert Kaffee und Frühstück ohne Ansehens der Person gleichermaßen freundlich. Da liegt es nahe, zweiter Klasse im Speisewagen zu reisen und das gesparte Geld in kulinarische Annehmlichkeiten zu investieren. Nur vom kostenlosen Zeitungsangebot für die Gäste der ersten Klasse sollte man die Finger lassen. Sonst gibt’s Ärger mit dem Schaffner.

Morgens um 4:28 Uhr geht der erste ICE von Heidelberg Richtung Norden. Der preisbewusste Freiberufler reist zu seinem Geschäftstermin in Bremen natürlich nicht am Vortag an und hat das Onlineticket zweiter Klasse mit Bahncard und 50 Prozent Rabatt gekauft, obwohl der Auftraggeber am Ende alles zahlt. So kostet die Fahrt in die Hansestadt im Norden und zurück nur 114 Euro statt der stattlichen 380 Euro, die ein Reisender ohne Ermäßigung in der ersten Klasse zahlt. Der Ledersitz, die kostenlose Tageszeitung und die Geschäftstelefonate der Mitreisenden wiegen diese Differenz bei Weitem nicht auf.

Der Haken: So früh am Morgen kommt man in Heidelberg an keine Tageszeitung ran. Das ist aber eigentlich kein Problem. Denn 30 Minuten Umsteigezeit in Frankfurt am Main ließen genug Zeit, die Süddeutsche dort zu erwerben. Ein Selbstmörder durchkreuzt den Plan. Dreißig Minuten Verspätung sind schnell beisammen. Die Gleissperrung wird gerade noch rechtzeitig aufgehoben, um den Anschlusszug nach Hannover zu erreichen. Ohne Zeitung. In dieser Lage fühlt sich unsere Bahngeschichtenerzähler moralisch berechtigt, sich am Zeitungsangebot der ersten Klasse zu bedienen. Dummerweise wird ein Schaffner Zeuge, der kurz darauf die Fahrscheine im Speisewagen kontrolliert. Nach dem üblichen Procedere mit Einscannen des Codes und Vorzeigen der Bahncard entspinnt sich ein Dialog.

Zugbegleiter: „Darf ich jetzt bitte noch Ihren Fahrschein erster Klasse sehen?“

Bahngeschichtenerzähler (B) stellt sich doof: „Wieso?“

Zugbegleiter: „Das Zeitungsangebot ist ein Exklusivangebot für Reisende der ersten Klasse und Sie haben sich doch gerade eine genommen.“

Na gut, denke ich. Er hat mich ertappt. Aber so blöd muss er mir doch nicht kommen.

B: „Das weiß ich. Aber durch unsere Verspätung konnte ich keine Zeitung am Bahnhof kaufen, so wie ich es vorhatte.“

Diese Story glaubt er mir nicht. Ich solle die Zeitung zurückbringen. Da ich mich dank der plumpen Gesprächseröffnung nun aber endgültig moralisch überlegen fühle, kommt das nicht infrage. Ich lege die Zeitung zusammen und schiebe sie ihm hin.

Z (erbost): „Soll ich die etwa zurückbringen?“.

B: „Genau.“

Der Zugbegleiter geht kopfschüttelnd ab. Er kommt noch ein paar mal vorbei. Wir würdigen uns keines Blickes. Die gefaltete Zeitung bleibt bis Hannover unberührt liegen.