Zeitvergeudung

Jedes Jahr verschwenden wir Deutsche Millionen Stunden kostbarer Lebenszeit in unproduktiven Besprechungen und auf langweiligen Kongressen. Das müsste nicht sein, wenn elementare Prinzipien der Erwachsenenbildung beachtet würden. Ein Aufschrei.

Kennen Sie das? An das Ende jeder ordentlichen Fachtagung hat der Veranstalter eine Podiumsdiskussion gesetzt. Sieben ältere Herren und ein Moderator sollen die Themen des Tages bündeln. Der Diskussionsleiter ist ein Laie, aber er hat beim Veranstalter einen wichtigen Posten und noch nichts zur Konferenz beigetragen. Die Diskussionsteilnehmer sind nach Proporz ausgewählt. Mindestens vier Plätze gehören den Repräsentanten befreundeter Verbände oder den Unterstützern der Tagung.

Dann geht’s los. Jeder Podiumsgast bekommt reihum das Wort für ein „kurzes Impulsreferat“. Zehn Minuten sind dafür ein guter Richtwert. Bald ist mehr als eine Stunde verstrichen, und der Moderator kann die Runde für „Fragen aus dem Publikum“ öffnen. Dass die Podiumsteilnehmer gar nicht diskutiert haben, registrieren die erschöpften Zuhörer dankbar. Der Veranstalter hatte ohnehin keine Leute mit abweichenden Meinungen eingeladen. Nach kurzem Zögern erheben sich die drei zähesten Gäste, um ihre Koreferate abzugeben. Dann sind neunzig Minuten um, der Moderator dankt allen Beteiligten für die „ergiebige und anregende Diskussion“ und bittet zum Empfang.

Wer die Skizze für Satire hält, dem sei entgegnet: Die schlimme Wirklichkeit ist allenfalls behutsam zur Kenntlichkeit entstellt. Falls Sie diese Zeilen nicht mitten in der Nacht, an Ostern, Silvester oder Weihnachten lesen, dämmern irgendwo in Deutschland in diesem Moment gelangweilte Zuhörer weg. Vorzugsweise in Berlin, dem neuen Tagungsmekka. Vielleicht sitzen Sie selber gerade in einer öden Veranstaltung und verschaffen sich heimlich Abwechslung.

Die drei Treiber der Langeweile sind schnell benannt: Es sind Angst, Faulheit und Ignoranz.

Viele Gastgeber, Moderatoren und Redner haben Angst. Es ist die Angst vor dem Verlust der Kontrolle. Denn wenn die Teilnehmer mehr Raum bekämen, um sich einzubringen, könnten unvorhergesehene Dinge passieren. Sie könnten Fragen aufwerfen, auf die noch niemand eine Antwort hat. Sie könnten Streit anfangen. Oder Sie könnten kreative Impulse geben und originelle Ideen haben, die den Gastgeber überraschen. Doch diese Blöße geben sich die Experten ungern. Lieber sperren sie sich und alle anderen in ein enges Zeitkorsett.

Die beiden anderen Treiber gibt es im Doppelpack. Faulheit und Ignoranz verbünden sich gern. Bequeme Redner spulen ihr vorbereitetes Programm ab und lesen ihren jüngsten Fachaufsatz vor (Faulheit), ohne einen Gedanken an die Erwartungen, das Vorwissen und die Wünsche des Publikums verschwendet zu haben (Ignoranz). Ignorant sind auch die Veranstalter, die ihre Podien nach Institutionenproporz besetzen statt danach zu fragen, wer zum Thema etwas Interessantes beizutragen hätte und welche Stimme im Meinungsspektrum noch fehlte.

Erstaunlich groß ist die Leidensfähigkeit des Publikums. Man kennt es eben nicht anders. Dabei gäbe es ganz einfache Methoden und Prinzipien, um Tagungen abwechslungs- und ergebnisreich zu gestalten. Gute Weiterbildungsanbieter wenden sie seit Jahrzehnten an.

Erwachsene lernen nur, was sie lernen wollen. Und unmotivierte Erwachsene lernen gar nichts. Wissen bleibt erst haften, wenn es sich die Lernenden selbst erarbeiten. Nach spätestens zwanzig Minuten des Zuhören-Müssens ist die Aufmerksamkeitsspanne ausgeschöpft. Die Motivation nimmt Schaden, wenn Teilnehmer sich als fremdbestimmt, ausgegrenzt oder überfordert erleben. Man traut sich kaum, es hinzuschreiben, so selbstverständlich klingt es.

Weiterbildungsprofis beherzigen das. Sie gestalten ihre Trainings abwechslungsreich. Manche Methoden (Kugellager, Blitzlicht, Aquarium, Stand-up,…) mögen auf den powerpoint-gestählten Büromenschen exotisch wirken. Aber sie wirken. Viele der Methoden ließen sich auch in Konferenzen gut anwenden. Der Dozent könnte aus der Rolle fallen und das Auditorium in Kleingruppen diskutieren lassen. Eine Fishbowl- oder Aquariumdiskussion könnte das geschlossene Format der Podiumsdiskussion demokratisieren. Eine aktivierende Körperübung vertriebe die Mittagsmüdigkeit. Und wer Besprechungen künftig im Stehen abhält, wird nie mehr über ausufernde Meetings klagen müssen.

Der Autor hat selber schon viel Lebenszeit vergeudet in unergiebigen Konferenzen und ausufernden Sitzungen. Und er hat die Lebenszeit Anderer verschwendet, weil er als Dozent zu faul oder zu ängstlich war, um sich gut vorbereitet auf die Teilnehmer einzulassen und deren Erwartungen und Wünsche zu erfragen und zu erfüllen. Doch damit ist jetzt Schluss.

Frank Stäudner

Der Autor ist studierter Physiker und promovierter Wissenschaftsphilosoph. Als PR-Profi, Kommunikations- und Lobbyingexperte arbeitete er viele Jahre in leitenden Funktionen von Verbänden. Seit Juli 2012 ist er in der Geschäftsleitung der Akademie für wissenschaftliche Weiterbildung an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg tätig. Eine Sammlung bewährter Trainingsmethoden gibt es hier: Lernen im Aufwind
- Methodenreader zur Gestaltung von Lernprozessen,
Veronika Strittmatter-Haubold, Fadja Ehlail, Heidelberg 2012 (mehr Info).

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