Was bedeutet Studieren neben dem Beruf?

Studium plus Arbeit ist schwierig, aber nicht unmöglich. Oft zahlt sich die Anstrengung aus.

Berufsbegleitend zu studieren bedeutet, zwei zeitraubende Tätigkeiten miteinander zu kombinieren. Österreichische Fachhochschulabsolventen gaben in einer Studie aus dem Jahr 2012 an, 60 Stunden pro Woche für Arbeit und Studium aufzuwenden. Ein Fünftel schuftete sogar 70 Stunden und mehr. Die Zahlen passen gut zu den Erhebungen über den Zeitbedarf eines Vollzeitstudiums. Nach einer Umfrage der Uni Konstanz widmet sich der deutsche Durchschnittsstudent an 32 Stunden in der Woche seinem Studium (Studierendensurvey 2014). Das bedeutet: Ein Studium neben dem Beruf stellt hohe Anforderungen an Motivation, Disziplin, Organisationstalent, Fleiß und Willen. Verlässliche Statistiken sind rar. Nach Angaben des Onlineportals studieren-berufsbegleitend.de stellten sich Jahr 2012 immerhin 133.000 Frauen und Männer der Herausforderung, eine Vollzeittätigkeit und ein Studium unter einen Hut zu bringen. Zwar ist es sehr anstrengend, berufsbegleitend zu studieren. Das Modell hat aber auch einige Vorteile.

Pluspunkte Zähigkeit, Willen und Organisationstalent

Absolventen punkten mit ihrem berufsbegleitend erworbenen Abschluss in Bewerbungen. Arbeitgeber sind davon sehr angetan. Denn der Kandidat oder die Kandidatin dokumentiert Zähigkeit, Entschlossenheit, Organisationstalent und viele weitere Kompetenzen, die Arbeitgeber schätzen. Zahlreiche Umfragen stützen diesen Punkt.

Meist wird das gewählte Fach einen Bezug zur aktuellen Berufstätigkeit aufweisen. Studierende können dann Studieninhalte direkt in der Praxis erproben und Anliegen und Herausforderungen aus dem Beruf ins Studium einbringen. Gerade an der SRH Hochschule Heidelberg eröffnet die moderne Didaktik nach dem CORE-Modell dafür viele Möglichkeiten. Mit anderen Worten: Berufstätige holen aus ihrem Studium das Maximum an Kompetenzerwerb heraus.

Maximaler Gewinn

Hochschulen wie die SRH Hochschule Heidelberg haben Studiengänge inzwischen so flexibel organisiert, Präsenzveranstaltungen auf den Abend und die Wochenenden gelegt, die Anerkennung berufspraktischer Kompetenzen großzügig geregelt und hochwertige Studiendokumente für Selbst- und E-Learning-Phasen geschaffen, dass das berufsbegleitende Studium nicht länger dauern muss als ein Vollzeitstudium. Das ist ein wichtiges Qualitätsmerkmal. Denn die Abbruchquoten in Fernstudiengängen sind u.a. auch deshalb hoch, je nach Anbieter zwischen 30 und 70 Prozent, weil die Motivation über die lange Strecke von fünf bis sechs Jahren häufig leidet.

Dennoch gilt es Durststrecken zu durchstehen. Unterstützung ist wichtig. Wenn Familie, Freunde und vielleicht sogar der aktuelle Arbeitgeber die Studienwahl unterstützen, dann lassen sich Schwierigkeiten leichter überwinden. Einzelkämpfer dagegen habe es schwer.

Ein wenig Erleichterung schaffen die Bildungsurlaubs- und Bildungszeitgesetze. Immerhin 13 von 16 Bundesländern haben inzwischen (2015) für Arbeitnehmer die Möglichkeit geschaffen, fünf Tage Extra-Urlaub zu nehmen, wenn er für Weiterbildungen eingesetzt wird. Studierende an der SRH Hochschule Heidelberg profitieren davon. Kleines Bonbon: Das Finanzamt akzeptiert die Weiterbildungskosten in vollem Umfang als steuermindernd. Bei Gutverdienern kann das die Hälfte der Studiengebühren ausmachen.

Unnötige Bürokratie macht Weiterbildung unnötig teuer

Viele Vorschriften zur Qualitätssicherung von Weiterbildungen sind kontraproduktiv und überflüssig. Warum? Das erkläre ich in einer aktuelle Kolumne in der Maiausgabe von Training aktuell, der führenden Trainerzeitschrift (hier lesen). Den etwas ausführlicheren Text gibt es in meinem Blog.

Neulich fühlte ich mich wie der Hauptmann von Köpenick. Der Autor Carl Zuckmayer (1896 – 1977) schickt in seinem gleichnamigen Roman den arbeitslosen Schuster Friedrich Wilhelm Voigt in eine bürokratische Endlosschleife. Voigt kann sich daraus nicht befreien. Als er nicht mehr weiter weiß, raubt er als falscher Hauptmann mit einem Trupp gutgläubiger Soldaten die Köpenicker Stadtkasse. Wer sich heute als Weiterbildungsanbieter im Interesse seiner Teilnehmer mit Bildungsgutscheinen und Bildungsurlaub beschäftigt, blickt in bürokratische Abgründe wie damals der Schuster Voigt.

Viele Bundesländer fördern die Weiterbildung ihrer Bürger. Im Prinzip ist das eine gute Idee. Es gibt Bildungsgutscheine, den Qualischeck oder Bildungsurlaub. Damit das Geld nicht bei halbseidenen Anbietern landet oder für Töpferkurse in der Toskana ausgegeben wird, haben sich die Ministerien Methoden der Qualitätssicherung ausgedacht. Das ist auf den ersten Blick nachvollziehbar. Da aber jedes Bundesland sein eigenes Regelwerk für die Anerkennung, Akkreditierung und Zertifizierung erlässt, muss ein deutschlandweit tätiger Weiterbildner Unsummen ausgeben und Qualitätsnachweise in vielen Stunden mühsam zusammentragen.

So haben Angestellte in Nordrhein-Westfalen (NRW) Anspruch auf bis zu fünf Tage zusätzlichen Urlaub, wenn sie an diesen Tagen eine Weiterbildung besuchen. Die Bildungsveranstaltung muss aber staatlich anerkannt sein. Für Akademien mit Sitz außerhalb des Bundeslandes ist die Bezirksregierung Detmold zuständig. Dort kann man sich in die Liste der anerkannten Anbieter aufnehmen lassen. Das ist kompliziert und teuer.

Was hat sich das NRW-Landesparlament dabei gedacht? Warum überlässt es der Gesetzgeber nicht Arbeitgebern und Arbeitnehmern, sich frei über Zeit, Ort und Inhalt eines Bildungsurlaubs zu verständigen? Die Gründe sind Kontrollwahn und Geiz. Behörden haben gern die Kontrolle. Lieber erlassen sie eine Regel zu viel als eine zu wenig. Schließlich macht ein Beamter nicht Karriere, wenn er Erfolge hat, sondern, wenn er Fehler vermeidet. Dass auf diese Weise erst recht Zeit und Geld vergeudet werden, ist nicht schlimm. Es trifft schließlich den Anbieter. Der holt sich die Kosten aber von seinen Kunden zurück. Mit anderen Worten: Bürokratie macht Weiterbildung teurer, als sie sein müsste.

Zweitens sollen nicht zu viele Leute Bildungsurlaub machen. Er kostet die öffentliche Verwaltung viel Geld, schließlich fahren auch Behördenmitarbeiter in die Bildungsferien. Besser, dem Füllhorn gleich eine Drosselklappe einzubauen. Dann sind auch die Arbeitgeber nicht so sauer. In Baden-Württemberg laufen sie gerade Sturm gegen die Pläne von Wirtschaftsminister Nils Schmid, ein Bildungsurlaubsgesetz zu erlassen. Man darf Schmid Standhaftigkeit wünschen. Aber hoffentlich nimmt er sich nicht NRW zum Vorbild.

Von den Verbänden der Weiterbildungsanbieter ist nur wenig Hilfe zu erwarten. Viele von ihnen vergeben eigene Qualitätssiegel und haben wenig Interesse, das Akkreditierungskarussell anzuhalten. Dabei ist es ein offenes Geheimnis unter Weiterbildungsanbietern, dass Zertifizierungen nur den Anschein von Qualität schaffen. Den Schuster Voigt gab es übrigens wirklich.

Rausgeworfenes Geld

 Ein Plädoyer für sparsame Werbung für Weiterbildungsangebote

Weiterbildungsanbieter bewegen sich auf einem umkämpften und stark geschichteten Markt. Es findet sich immer ein Seminarveranstalter, der die vermeintlich selbe Sache billiger anbietet. Das Dozentenhonorar lässt sich hier noch ein wenig drücken, die Zahl der Kursteilnehmer da noch ein wenig erhöhen. Blöd nur, dass dann die Qualität des Angebots leidet. Die Preisspannen sind ohnehin riesig. Den Grundkurs Philosophie der Volkshochschule Heidelberg mit sechs Abendterminen gibt es für 40 Euro. Für den Besuch eines zweitägigen Wirtschaftskongresses, den prominente Redner zieren, werden schnell mal 2500 Euro fällig. Erschwerend kommt hinzu, dass Qualität und Preis keineswegs korrelieren müssen.

Das liegt unter anderem daran, dass die Werbung ein enormer Kostentreiber ist. Es gibt Weiterbildungsanbieter, die die Hälfte des Umsatzes für Anzeigen, Flyer und andere Werbemaßnahmen aufwenden. Nun nützt das schönste Weiterbildungsangebot nichts, wenn niemand davon erfährt. Dennoch ist aus meiner Sicht Zurückhaltung angebracht. Seriöse Weiterbildungsanbieter sind gut beraten, teuere Werbekampagnen und Anzeigen behutsam einzusetzen. Zwei Argumente sprechen dafür – ein  pragmatisches und ein ethisches.

Das pragmatische Argument. Anzeigenwerbung ist teuer und nutzlos. Von Marketingpionier John Wanamaker (1838 – 1922) stammt der berühmte Satz: „Half the money I spend on advertising is wasted; the trouble is I don’t know which half.“ Doch wenn die Hälfte des Werbebudgets rausgeschmissenes Geld ist, gibt es dann nicht kostengünstigere Wege? Die gibt es in der Tat. Die Pflege von Empfehlungsnetzwerken mit regelmäßigen elektronischen News wäre eine Option, um die wichtigsten Multiplikatoren, zufriedene Absolventen, zu gewinnen. Vor allem aber ist ein aussagekräftiger und aktueller Internetauftritt längst unverzichtbar. Der Verzicht auf zwei Anzeigen wiegt das Gehalt für den Webredakteur im Monat locker auf.

Ein Problem sei nicht verschwiegen: Internetinfos erreichen nur die Weiterbildungskunden, die schon wissen, wonach sie suchen. Um Kunden überhaupt erst auf den Geschmack oder die Idee zu bringen, bedarf es anderer Dinge. Klassische Werbung wird also weiter ein Mittel sein. Wenn sie doch nur nicht so teuer wäre!

Das ethische Argument. Einen maßgeblichen Teil des Umsatzes für Werbung auszugeben, benachteiligt die Kunden. Denn diese kommen letztlich mit ihren Seminargebühren für alle Unkosten auf. Sie bezahlen nicht nur den Trainer, den Ort und die Verwaltung, sondern – alles, also auch die Werbung. Doch während die Weiterbildungsteilnehmer von einem qualifizierten Dozenten und einem ansprechenden Lernort unmittelbar einen Nutzen haben, ist das bei den teuren Anzeigen nicht so.

Hier unterscheidet sich die Weiterbildungsbranche von anderen Wirtschaftszweigen wie etwa der Konsumgüterindustrie. Bei einem Limonadeproduzenten wie Coca-Cola wäre die Trennung von Herstellung, Vertrieb, Werbung künstlich und willkürlich. Alle Unternehmensteile sind für den Unternehmenserfolg nicht nur unverzichtbar. Die Werbung erzeugt in gewisser Weise überhaupt erst den Markt mit ihrem emotionalen Nutzenversprechen, den das Produkt dann befriedigt.

Weiterbildner verfügen im Unterschied dazu über ein Produkt („Bildung“), dass gemäß eines breiten gesellschaftlichen Konsenses als wertvoll und förderungswürdig gilt. Dieses Privileg gilt es zu pflegen. Es schadet nicht, wenn Akademien ihre Besonderheiten kultivieren. Gleichwohl wird der aufmerksame Leser auch 2014 gelegentlich eine Anzeige der Akademie für wissenschaftliche Weiterbildung entdecken. Und zwar diese:

Imageanzeige 2014

Die Qualitätsillusion

Es ist ein offenes Geheimnis unter Weiterbildungsanbietern: Zertifizierungen sind Unfug. Sie bürgen nicht verlässlich für Qualität, sondern erzeugen deren Schein. Dennoch ist es schwer, sich dem Zertifizierungs- und Akkreditierungskarussell zu widersetzen. Kunden und Geldgeber verlangen danach. Wie kommt man da raus? Letztlich durch die Pflege langfristiger Partnerschaften zwischen Auftraggeber und Weiterbildungsanbieter.

Zertifizierungen und andere Qualitätsnachweise seien im Weiterbildungsmarkt gescheitert, weil sie nicht das messen, was sie messen sollen. Die Qualität eines Trainers lasse sich durch formale Verfahren nicht feststellen. Diese Meinung vertritt die bekannte Trainervermittlerin Jutta Häuser im aktuellen Heft von Training aktuell (hier zum Beitrag, kostenfreie Anmeldung erforderlich). Sie hat gute Gründe.

Grund 1: Zertifizierungen gibt es wie Sand am Meer. Trainer zertifizieren andere Trainer, Verbände ihre Mitglieder. Ein allgemein anerkanntes Qualitätssiegel gibt es nicht. Die Vielzahl der Zertifikate, Zeugnisse und Siegel verwirrt den Kunden mehr, als dass er verlässlich den besten Weiterbildungsanbieter für seine Bedürfnisse fände.

Grund 2: Die Qualität eines Trainers erwächst aus Eigenschaften und Dingen, die sich einer formalen Begutachtung gerade entziehen. Persönlichkeit lasse sich nun einmal nicht zertifizieren, so Häuser. Selbst die Erfahrung eines Trainers ist nicht so einfach zu bewerten. Klar, die Zahl der Berufsjahre und der Kunden lässt sich zählen und belegen. Aber ob nun genau dieser Trainer für jenen Auftrag geeignet war, das wissen Auftraggeber und -nehmer zuverlässig erst hinterher.

Das hängt mit Grund 3 zusammen: Der Kontext beeinflusst die Leistung. Die Tagesform des Trainers prägt das Geschehen im Seminar ebenso wie die Tagesform der Teilnehmer. Ein Trainer mag in einer Weiterbildung mit Vertriebsleuten brillieren, bei Ingenieuren beißt er auf Granit. Viele kleine und große Rahmenbedingungen sind ständig im Fluss und machen jedes Seminar zu einem Unikat. Doch was sich nicht wiederholen lässt, lässt auch keine verlässlichen Aussagen über die Zukunft zu.

Warum also streben so viele Trainer, Akademien und Agenturen nach Zertifikaten? Weil Kunden es so wollen. Weiterbildung ist eine Dienstleistung, deren Wirkung sich nur schwer fassen lässt. Ob der Installateur das Waschbecken gerade an die Wand gedübelt hat, erkennt jeder Laie. Aber ob die Teilnehmer eines Seminars mit einem echten Plus an Know-how aus der Veranstaltung rausgehen, ist mit einfachen Mitteln kaum zu verifizieren. Das Zertifikat gibt dem Auftraggeber in dieser Situation das beruhigende Gefühl, alles für den Erfolg getan zu haben.

Nicht zu vergessen die öffentliche Hand. Landesparlamente treiben das Zertifizierungsgewerbe kräftig an. Wer aus Steuermitteln Zuschüsse zu Weiterbildungen auslobt oder mit Bildungsurlaubsgesetzen den Angestellten im jeweiligen Bundesland zusätzliche Ferientage beschert, will kein Mittelmaß fördern. Deshalb müssen sich Akademien den unterschiedlichsten Prozeduren unterziehen, um ihre Qualität darzulegen. Jedes Land hat da seine eigenen Regeln. Ob dadurch mehr Qualität entsteht, ist höchst zweifelhaft. Nur dass es Bürokratie schafft und die Kunden Geld kostet, weil sich die Weiterbildungsanbieter die Kosten zurückholen, ist gewiss.

Was tun? Eigentlich ist die Lösung ganz einfach. Auftraggeber und Auftragnehmer sollten langfristige Geschäftsbeziehungen anstreben. Wenn an die Stelle von formalen Nachweisen ein kontinuierlicher Austausch tritt, dann öffnet sich der Raum, um spezifische Bedürfnisse zu erkunden und passgenaue Lösungen zu erarbeiten. Auf mittlere Sicht entsteht das, was sich alle wünschen: Qualität.

P.S.: Wie in der Akademie für wissenschaftliche Weiterbildung an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg die Qualitätssicherung gehandhabt wird, steht hier.

Nachtrag am 31.1.14: Der Beitrag hat auf Xing eine lebhafte Debatte unter Weiterbildnern und Trainern ausgelöst. Mit einigen interessanten Argumenten und Vorschlägen wie zum Beispiel einem Pilottraining, um neue Anbieter auszuprobieren. Zur Debatte.

Weiterbildner jenseits der Komfortzone

Eine Tagung, die alle Teilnehmer in Bewegung bringt und auf die herkömmliche Abfolge von Vortrag und Diskussion verzichtet, ist eine anstrengende Zumutung. Doch wer das Neue erlebt hat, will es nicht mehr missen. Eine persönliche Nachlese von der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Wissenschaftliche Weiterbildung und Fernstudium 2013. 

Herkömmliche Fachtagungen sind eine Plage. Die geladenen Experten halten langatmige PowerPoint-Vorträge oder lesen ihren nächsten Fachaufsatz vor. Das Publikum dämmert langsam weg, keinen stört’s. Das eigentliche Tagungsgeschehen findet ohnehin in den Kaffeepausen statt. In Rostock kam es in der letzten Septemberwoche 2013 ganz anders.

Unter dem Tagungsthema „Hochschule des lebenslangen Lernens – Mehrwert, Chancen und Erträge“ versammelten sich 200 Weiterbildungsexperten aus Hochschulen des deutschsprachigen Raums vom 25. bis 27. September 2013 an der Universität Rostock. Das Programmkomitee der Deutschen Gesellschaft für Wissenschaftliche Weiterbildung und Fernstudium DGWF hatte sich mutig für eine Neuerung entschieden. Statt der bekannten Abfolge von Vorträgen mit Diskussion sollten alle Veranstaltungsteile im interaktiven Format der „Fishbowl“ abgehalten werden.

Die Fishbowl (auch Aquarium) ist eine Methode für die Arbeit mit Großgruppen. Weiterbildner setzen sie öfter ein, an der Akademie für wissenschaftliche Weiterbildung in Heidelberg gehört sie zum Standardrepertoire. Das Aquarium lässt sich vielleicht am ehesten als demokratisierte Podiumsdiskussion beschreiben, in der die Schranke zwischen Experten und Publikum gefallen ist. Gerade für eine Fachtagung ist das ein passendes Format – schließlich sind dort (mit wenigen Ausnahmen) alle Experten.

In einer Podiumsdiskussion wären die Rollen klar verteilt. Im Aquarium bleiben dagegen immer Plätze frei, die von Teilnehmern aus dem Publikum eingenommen werden können, um mitzudiskutieren. Ein Moderator wacht darüber, dass das geregelte Rein und Raus nicht in Anarchie umkippt. So gesehen, ist die Bezeichnung „Aquarium“ ein wenig rätselhaft. Fische können nicht aus dem Goldfischglas raus, Menschen schon. Vor der Tagung verließ ein paar Beteiligte der Mut („So viele Teilnehmer. Und dann noch ein Hörsaal. Wollen wir nicht doch eine konventionelle Moderation?“). Zum Glück fanden sie ihn rechtzeitig wieder.

Denn Mut gehört dazu. Da das Format offen ist, können unvorhergesehene Dinge passieren. Deshalb müssen alle Beteiligte den Mut mitbringen, sich überraschen zu lassen. Da wir Menschen aber Überraschungen hassen, selbst wenn wir Wissenschaftler sind, ist das gar nicht ohne.

Der Moderator wird es mit Teilnehmern und Ideen zu tun bekommen, auf die er sich nicht vorbereiten konnte. Er muss den Mut aufbringen, zu improvisieren und den unvorhergesehenen Dingen Raum zu geben.

Was dabei entstehen kann, zeigt die Abbildung. Zu sehen sind Erfolgs- und Misserfolgsfaktoren für Angebote wissenschaftlicher Weiterbildung. Beigetragen haben Claudia Koepernik, Offene Hochschule Zwickau, Stefanie Kretschmer und Joachim Stöter, Universität Oldenburg, Prof. Dr. Stefan Göbel und Jan Tauer, Universität Rostock, und Prof. Dr. Gabriele Vierzigmann, Hochschule für angewandte Wissenschaften München. Sie waren die Gäste im Forum „Management und Governance“, das der Autor moderierte. Gewissermaßen die ersten Goldfische.

Angebote wissenschaftlicher Weiterbildung müssen gut in der Hochschule verankert sein. Ob der beste Weg eine eigene Weiterbildungsfakultät, eine Professional School oder eine Akademie wäre, bleib offen. Aber dass sich Hochschulleitung, Dekane und Professoren die Weiterbildung neben Forschung und Lehre in den grundständigen Studiengängen als wichtige Aufgabe zu eigen machen müssen, darüber bestand Konsens. Dass rechtliche Rahmenbedingungen unklar, wenig passend und nicht sachgerecht seien, kam ebenfalls raus. Aber das steht auf einem anderen Blatt.

Mehr zur DGWF-Jahrestagung 2013: http://www.uni-rostock.de/weiterbildung/dgwf-jahrestagung-2013/Image

„Füße spüren!“

Wir lernen viel zu kopflastig. Das fängt schon in der Schule an. Da sitzen die Kinder brav in ihren Bänken und schreiben mit, was der Lehrer an die Tafel malt. Dass es auch anders (und besser) geht, wissen die meisten Leute nicht. Die europäische Kultur zeichnet sich durch die übergroße Wertschätzung der Kopfarbeit aus. Dadurch geraten wichtige Facetten des Lernens aus dem Blick. Das müsste nicht sein.

Vielleicht ist die Aufklärung daran schuld, dass Denker angesehener sind als Tänzer. „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. … Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.“ Das schrieb Immanuel Kant 1784. Mit seiner Betonung der Verstandestätigkeit befindet sich der große Philosoph in bester Gesellschaft. Schon immer galt in der abendländischen Kultur das Denken mehr als das Tun. Die alten Griechen gaben der episteme (dem abstrakten Denken) klar den Vorzug gegenüber dem Handwerk (techne). Die Ingenieure waren in den Augen der tonangebenden Geisteswissenschaftler mehr Handwerker als Wissenschaftler und mussten vom 19. Jahrhundert bis in die zweite Hälfte des 20. um ihren anerkannten Platz in der akademischen Welt ringen. Der Bildungskanon des Bürgertums besteht zum überwiegenden Teil aus Büchern. Den Profisportlern der Gegenwart huldigen wir, beneiden sie vielleicht sogar um Glamour und Geld. Aber intellektuell für voll nehmen wir sie nicht.

Kurzum: Die Überhöhung der Kopfarbeit hat Tradition. Beim Lernen wird das zum Problem. Denn neue Erkenntnisse der Hirn- und Lehr-/Lernforschung zeigen deutlich: Lernen hat eine kognitive, emotionale und körperliche Komponente. Gute Weiterbildungen zeichnen sich dadurch aus, dass sie Lerninhalte ganzheitlich erfahrbar und erlebbar machen. Dadurch eröffnen sich den Teilnehmenden Erfahrungsräume, die weit über das rein kognitive Lernen hinaus gehen. Wer seinen ganzen Körper in Lernprozessen einsetzt, erreicht eine tiefere Reflexionsebene. Das muss man allerdings erleben, um es zu glauben.

Nur ein Beispiel: Wer vor Vorträgen und Auftritten Lampenfieber hat, dem hilft es meist wenig, seinen Text wieder und wieder durchzugehen. Besser ließe sich die Nervosität dämpfen durch die gezielte Konzentration auf den eigenen Körper und den Blick nach innen. „Spüren Sie ihre Füße“ lautet ein neuer Wahlspruch der Weiterbildung. In manchen Ohren mag das wie esoterischer Klimbim klingen. Doch wir meinen: Es ist an der Zeit, dem Körper zu seinem Recht zu verhelfen.

Fadja Ehlail / Frank Stäudner

Fadja Ehlail arbeitet als Lehrtrainerin für die Akademie für wissenschaftliche Weiterbildung an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg. Sie bildet dort u.a. interkulturelle Trainer aus und bietet Trainings an zu Hochschuldidaktik, Präsentation, Kommunikation und Diversität / Interkulturelle Kompetenz.

Frank Stäudner betreibt nicht nur diesen Blog. Er führt im Brotberuf die Geschäfte der Akademie.

Mehr über die Gestaltung von Lernprozessen, ganzheitliches Lernen, Weiterbildungen, Coaching, Organisationsentwicklung etc. auf den Seiten der Akademie unter www.ph-akademie.de.

Zeitvergeudung

Jedes Jahr verschwenden wir Deutsche Millionen Stunden kostbarer Lebenszeit in unproduktiven Besprechungen und auf langweiligen Kongressen. Das müsste nicht sein, wenn elementare Prinzipien der Erwachsenenbildung beachtet würden. Ein Aufschrei.

Kennen Sie das? An das Ende jeder ordentlichen Fachtagung hat der Veranstalter eine Podiumsdiskussion gesetzt. Sieben ältere Herren und ein Moderator sollen die Themen des Tages bündeln. Der Diskussionsleiter ist ein Laie, aber er hat beim Veranstalter einen wichtigen Posten und noch nichts zur Konferenz beigetragen. Die Diskussionsteilnehmer sind nach Proporz ausgewählt. Mindestens vier Plätze gehören den Repräsentanten befreundeter Verbände oder den Unterstützern der Tagung.

Dann geht’s los. Jeder Podiumsgast bekommt reihum das Wort für ein „kurzes Impulsreferat“. Zehn Minuten sind dafür ein guter Richtwert. Bald ist mehr als eine Stunde verstrichen, und der Moderator kann die Runde für „Fragen aus dem Publikum“ öffnen. Dass die Podiumsteilnehmer gar nicht diskutiert haben, registrieren die erschöpften Zuhörer dankbar. Der Veranstalter hatte ohnehin keine Leute mit abweichenden Meinungen eingeladen. Nach kurzem Zögern erheben sich die drei zähesten Gäste, um ihre Koreferate abzugeben. Dann sind neunzig Minuten um, der Moderator dankt allen Beteiligten für die „ergiebige und anregende Diskussion“ und bittet zum Empfang.

Wer die Skizze für Satire hält, dem sei entgegnet: Die schlimme Wirklichkeit ist allenfalls behutsam zur Kenntlichkeit entstellt. Falls Sie diese Zeilen nicht mitten in der Nacht, an Ostern, Silvester oder Weihnachten lesen, dämmern irgendwo in Deutschland in diesem Moment gelangweilte Zuhörer weg. Vorzugsweise in Berlin, dem neuen Tagungsmekka. Vielleicht sitzen Sie selber gerade in einer öden Veranstaltung und verschaffen sich heimlich Abwechslung.

Die drei Treiber der Langeweile sind schnell benannt: Es sind Angst, Faulheit und Ignoranz.

Viele Gastgeber, Moderatoren und Redner haben Angst. Es ist die Angst vor dem Verlust der Kontrolle. Denn wenn die Teilnehmer mehr Raum bekämen, um sich einzubringen, könnten unvorhergesehene Dinge passieren. Sie könnten Fragen aufwerfen, auf die noch niemand eine Antwort hat. Sie könnten Streit anfangen. Oder Sie könnten kreative Impulse geben und originelle Ideen haben, die den Gastgeber überraschen. Doch diese Blöße geben sich die Experten ungern. Lieber sperren sie sich und alle anderen in ein enges Zeitkorsett.

Die beiden anderen Treiber gibt es im Doppelpack. Faulheit und Ignoranz verbünden sich gern. Bequeme Redner spulen ihr vorbereitetes Programm ab und lesen ihren jüngsten Fachaufsatz vor (Faulheit), ohne einen Gedanken an die Erwartungen, das Vorwissen und die Wünsche des Publikums verschwendet zu haben (Ignoranz). Ignorant sind auch die Veranstalter, die ihre Podien nach Institutionenproporz besetzen statt danach zu fragen, wer zum Thema etwas Interessantes beizutragen hätte und welche Stimme im Meinungsspektrum noch fehlte.

Erstaunlich groß ist die Leidensfähigkeit des Publikums. Man kennt es eben nicht anders. Dabei gäbe es ganz einfache Methoden und Prinzipien, um Tagungen abwechslungs- und ergebnisreich zu gestalten. Gute Weiterbildungsanbieter wenden sie seit Jahrzehnten an.

Erwachsene lernen nur, was sie lernen wollen. Und unmotivierte Erwachsene lernen gar nichts. Wissen bleibt erst haften, wenn es sich die Lernenden selbst erarbeiten. Nach spätestens zwanzig Minuten des Zuhören-Müssens ist die Aufmerksamkeitsspanne ausgeschöpft. Die Motivation nimmt Schaden, wenn Teilnehmer sich als fremdbestimmt, ausgegrenzt oder überfordert erleben. Man traut sich kaum, es hinzuschreiben, so selbstverständlich klingt es.

Weiterbildungsprofis beherzigen das. Sie gestalten ihre Trainings abwechslungsreich. Manche Methoden (Kugellager, Blitzlicht, Aquarium, Stand-up,…) mögen auf den powerpoint-gestählten Büromenschen exotisch wirken. Aber sie wirken. Viele der Methoden ließen sich auch in Konferenzen gut anwenden. Der Dozent könnte aus der Rolle fallen und das Auditorium in Kleingruppen diskutieren lassen. Eine Fishbowl- oder Aquariumdiskussion könnte das geschlossene Format der Podiumsdiskussion demokratisieren. Eine aktivierende Körperübung vertriebe die Mittagsmüdigkeit. Und wer Besprechungen künftig im Stehen abhält, wird nie mehr über ausufernde Meetings klagen müssen.

Der Autor hat selber schon viel Lebenszeit vergeudet in unergiebigen Konferenzen und ausufernden Sitzungen. Und er hat die Lebenszeit Anderer verschwendet, weil er als Dozent zu faul oder zu ängstlich war, um sich gut vorbereitet auf die Teilnehmer einzulassen und deren Erwartungen und Wünsche zu erfragen und zu erfüllen. Doch damit ist jetzt Schluss.

Frank Stäudner

Der Autor ist studierter Physiker und promovierter Wissenschaftsphilosoph. Als PR-Profi, Kommunikations- und Lobbyingexperte arbeitete er viele Jahre in leitenden Funktionen von Verbänden. Seit Juli 2012 ist er in der Geschäftsleitung der Akademie für wissenschaftliche Weiterbildung an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg tätig. Eine Sammlung bewährter Trainingsmethoden gibt es hier: Lernen im Aufwind
- Methodenreader zur Gestaltung von Lernprozessen,
Veronika Strittmatter-Haubold, Fadja Ehlail, Heidelberg 2012 (mehr Info).