Bahngeschichten VI: Grün statt grau

Frank Stäudner leidet an schlimmen Phantomschmerzen. Er ist aus dem Vielfahrerprogramm der Deutschen Bahn rausgeflogen.

Meine neue BahnCard 50 ist da. Die alte war silbergrau und hatte ein Foto. Die neue ist grün. Ohne Foto. Dafür fahre ich jetzt mit „100 % Ökostrom“. Trotzdem ist meine Eitelkeit schwer verletzt. Ich bin tief gekränkt – die Bahn hat mir den BahnComfort-Status entzogen.

In den Genuss des Vielfahrerprogramms der Bahn kommt, wer oft mit dem Zug unterwegs ist und binnen zwölf Monaten für mindestens 2000 Euro Fahrkarten kauft. Mitte 2013 waren das rund 160.000 Menschen. Ich gehörte seit der Einführung des Programms 2002 stets dazu. Mit Bahn-Comfort-Status kam ich kostenlos in die DB-Lounges rein, die es in den meisten Großstadtbahnhöfen gibt und in denen Zeitungen, Kaffee und alkoholfreie Getränke serviert werden. In der Lounge im Berliner Hauptbahnhof bewirtet die Bahn ihre Gäste sogar mit Wein, Bier und leckeren Häppchen (sofern man einen 1.-Klasse-Fahrschein hat). Besonders bequem fand ich, dass ich mir die Platzreservierung sparen konnte. Im ICE war stets ein Sitzplatzkontingent für uns Vielfahrer frei, passenderweise meist direkt neben dem Speisewagen.

Das fröhliche Hedonistenleben auf Reisen geht nun leider zu Ende.

Früher nahm ich von Essen aus den Zug zu Geschäftsreisen nach Berlin, Hamburg, Bremen. Jetzt fahre ich von Heidelberg aus zu den Kunden der Akademie für wissenschaftliche Weiterbildung nach Mannheim, Stuttgart oder Steinheim an der Murr. Da kommen keine 2000 Statuspunkte mehr zusammen. Und nach Steinheim nimmt man besser das Auto.

Klar, vieles hat sich verbessert. Ich habe eine wunderbare Aufgabe. Der Geschäftsführerjob ist herausfordernd, abwechslungsreich, verantwortungsvoll, und ich bin an Bord des Kutters der Kapitän. Auf die materiellen Annehmlichkeiten der Comfort-BahnCard kann ich verzichten. Es ist der symbolische Verlust, der schmerzt. Mir kommt es so vor, als habe die Bahn mir ihre Zuneigung entzogen, als sie die grüne Karte schickte. Seither bleibt meine Liebe zu diesem großartigen Verkehrsmittel unerwidert. Das tut weh.

Doch vielleicht lädt mich mal jemand in die DB-Lounge nach Mannheim ein. Eine Begleitperson darf  nämlich kostenlos mit hinein. Und bei der nächsten Fahrt mit dem ICE setze ich mich für ein paar Minuten auf einen der BahnComfort-Sitzplätze und tu so, als gehörte ich noch dazu.

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