Bahngeschichte XII: Die nervigsten Mitreisenden

Bahnfahren ist wunderbar. Schöner als Autofahren allemal. Es gibt keine Mittelspurschleicher oder Drängler. Draußen ziehen schöne Landschaften vorbei. Man kann einen längeren Blick riskieren, ohne sich und andere in Lebensgefahr zu bringen. Sogar ein Restaurant rollt im Fernverkehr mit, dessen Preise zwar etwas gehoben sind, Qualität und Service aber meist stimmen. Wären da nicht die Mitreisenden. Gut, wenn man Ohrstöpsel dabei hat. Doch es gibt Bahnfahrer, die selbst dann den Waggon in einen Vorhof der Hölle verwandeln. Hier sind fünf Typen, aufsteigend nach ihrem Schrecken geordnet, und Tipps, wie man ihnen entgeht.

Platz 5: Der Alleinsitzer

Er hat seine Jacke und kleinere Gepäckstücke kunstvoll auf den Sitzen um sich herum verteilt. So hält er Mitreisende auf Abstand. Man will ja unbekannte Menschen nicht so nah an sich heran lassen, am Ende packt der Platznachbar noch ein streng riechendes Käsebrot aus oder offenbart ungewaschene Füße in stinkenden Socken.

Zum Ärgernis wird der Alleinsitzer in vollen Zügen. Da sollten doch besser die Koffer auf dem Boden sitzen und nicht die Leute. Grummelnd räumt der Platzhirsch nach mehrfachem Nachfragen den Platz frei und würdigt den neuen Nachbarn fürderhin keines Blickes. Das immerhin hat sein Gutes – der Alleinsitzer nötigt niemandem ein Gespräch auf. Besonders nervenstarke Leute verteidigen ihren Einzelplatz selbst an einem Freitagabend zwischen Frankfurt und Mannheim. Typischer Dialog:

Ich: „Verzeihung, ist hier noch frei?“

Er: Guckt weg.

Ich: „Verzeihung, ich rede mit Ihnen. Ist der Platz neben Ihnen noch frei?“

Er: „Tut mir leid. Ich warte noch auf einen Kollegen.“

Wie man ihm entgeht:  Auf dem Bord-WC.

Platz 4: Der Anfänger

Der Anfänger tritt meist paarweise auf. Beide sind jenseits der 60. Sie gehören zu der Hälfte der Deutschen, die noch nie Bahn gefahren ist (Quelle: Verkehrsforscher Heiner Monheim), und kommen aus Stuttgart. Er fährt dort Mercedes, aber der Besuch bei den Enkeln im Norden wäre mit dem Auto doch zu beschwerlich. Und es gibt ja den ICE 578, der die beiden ohne Umsteigen nach Hamburg bringt. Den haben die Kinder empfohlen und dem Bahnanfänger auch gezeigt, wie man ein halbes Jahr vor der Reise den Sparpreis bucht. Er überspielt die Unsicherheit in der unvertrauten Umgebung mit herrischer Geste. Typischer Dialog:

Er, vorwurfsvoll: „Verzeihung, junger Mann, aber Sie sitzen auf unserem Platz. Wir haben reserviert.“

Ich (50): „Sind Sie sicher, dass Sie im richtigen Wagen sind? Hier ist nämlich der Bahncomfortbereich für Vielfahrer.“

Er: „Ist das etwa nicht Wagen 3?“

Ich: „Nein, hier ist Wagen 9. Sie müssen bis ganz ans Ende des Zuges.“

Er: „Das ist ja mal wieder typisch Bahn, man findet sich gar nicht zurecht!“

(Brummend ab.)

Wie man ihm entgeht: Im Speisewagen reisen.

Platz 3: Der Dauertelefonierer

Er (es ist fast immer ein Mann) hat das Mobiltelefon schon beim Einsteigen am Ohr. Klar, Zeit ist kostbar. Wichtige Geschäfte können nicht warten. Er setzt sich in die Ruhezone, da stören die Mitreisenden nicht so, und telefoniert während der gesamten Fahrt. Unterbrochen wird der Redefluss nur durch Tunnel, denn da bricht die Verbindung ab. Typischer Monolog:

„Frau Meier, ich bin jetzt im Zug. Sagen Sie Dr. Schmidt, dass ich erst um 15 Uhr bei ihm bin. Und machen Sie Müller Beine, ich will seine Präsentation heute noch sehen.

(…)

Frau Meier, hören Sie mich noch?

(…)

Frau Meier?

(……)

Frau Meier, ich bin’s wieder. Die Verbindung war weg. Blöde Bundesbahn…“

Wie man ihm entgeht: In der 2. Klasse reisen.

 

Platz 2: Die Männerrunde

Reisen wird erst in der Gruppe richtig schön. Für das Wochenende auf dem Münchener Oktoberfest haben sich alle Kumpel zünftig in Schale geworfen. Das karierte Hemd spannt ein wenig um die Hüften, aber die Lederhose ist wirklich schick. Für die Fahrt nach München empfiehlt sich die Bahn, denn im Zug gibt es Bier. Da kann die lockere Runde schon einmal vorglühen. Die Herren haben Spaß, und das sollen alle hören. In dröhnender Lautstärke – schließlich muss die Musik aus dem tragbaren Musikrekorder übertönt werden – überbieten sich Peter, Schorsch und Kalle gegenseitig mit anzüglichen Witzen und Anekdoten früherer Feiern.

Wie man der Männerrunde entgeht: Nicht im Bordbistro reisen.

 

Platz 1: Das Damenkränzchen

Eine Gruppe Freundinnen in unüberhörbar bester Laune. Die Damen mittleren Alters sind vielleicht auf einem Wochenendausflug nach Berlin oder auf dem Weg in ein Wellnesswochenende im Allgäu. Die mitgeführte Gepäckmenge ist enorm, aber die überzähligen Koffer haben die patenten Damen kurzerhand im Klo verstaut. Zum Reiseproviant gehören alkoholische Getränke in größerer Menge, anders als bei den Männern aber kein Bier. Typischer Dialog:

Wortführerin: „Mädels, Zeit für Sekt. Wer will?“

Alle: „Alle!! Gudrun, du bist die Beste! Hast einfach an alles gedacht!“

„Pikkolöchen!“

„Stößchen!“

Wie man ihnen entgeht: Nicht in der 2. Klasse reisen

Wer kennt weitere Typen, die das Bahnfahren anstrengend machen? Ich freue mich über Ergänzungen. Die Kommentare sind offen.

 

Bahngeschichte XI: Die Begleitperson

Schwerbehinderte dürfen in öffentlichen Verkehrsmitteln eine Begleitperson kostenlos mitnehmen. Der Anspruch folgt aus elementaren Grundrechten. Er darf aber nicht missbraucht werden. Zwei ärgerliche Beispiele.

Der bekannte Autor und Behindertenaktivist Raul Krauthausen hat heute einer Schwarzfahrerin geholfen. Sein Tweet darüber erhielt binnen weniger Stunden rund 20 beifällige Kommentare, wurde hundertfach geteilt und besternt (hier geht’s zum Tweet und den Interaktionen).

S-Bahn: „Fahrausweise bitte!“
Ich roll durch die Reihen & frage wer ein Ticket braucht. Ältere Dame meldet sich und wird meine Begleitperson

Was auf den ersten Blick wie ein spontaner freundlicher Akt aussieht, wirft eine interessante ethische Frage auf und entpuppt sich – um das Ergebnis vorwegzunehmen – als Missbrauch eines Privilegs.

Schwerbehinderte dürfen in öffentlichen Verkehrsmitteln eine Begleitperson kostenlos mitnehmen. Menschen, die eine Laune der Natur in den Rollstuhl zwingt oder in anderer Weise hilfsbedürftig macht, sollen so mobil sein könnnen wie alle anderen Leute auch. Was aussieht wie ein Privileg, ermöglicht Menschen mit Behinderung also erst die gleichberechtigte Teilhabe und Teilnahme am öffentlichen Leben. Begleitpersonen in der Bahn mitzunehmen ist also gar keine Bevorzugung, sondern nur der Ausgleich eines Nachteils. Der Anspruch darauf folgt aus den Grundrechten. Der öffentliche Raum soll allen Menschen in gleicher Weise zugänglich sein. Das wird allgemein akzeptiert, auch wenn es Geld kostet.

Was aber, wenn ein Rollstuhlfahrer spontan eine Schwarzfahrerin als Begleitperson ausgibt und diese so davor schützt, erwischt zu werden? Dann verwandelt sich der selbstverständliche Anspruch in ein Privileg, genauer: in dessen Missbrauch. Schwarzfahren gilt vielen Menschen zwar als Kavaliersdelikt. Die Berliner Verkehrsbetriebe sind eine unpersönliche Institution, da fällt der Diebstahl leicht. Diebstahl? Klar! Die Gesamtheit der Schwarzfahrer beklaut die Gesamtheit der ehrlichen Fahrgäste um diejenige Summe, die die Tickets preiswerter sein könnnten, wenn alle für die Beförderung bezahlten. Das sind zwar in jedem einzelnen Fall nur Bruchteile eines Cents. Ein Diebstahl bleibt es gleichwohl. Indem Krauthausen ihn unterstützt, macht er sich zum Komplizen. Es erzeugt bei mir einen zusätzlichen schalen Beigeschmack, dass sich der Behindertenrechtsaktivist damit öffentlich schmückt.

Wie schmal der Grat zwischen ethisch gut begründetem Anspruch und Missbrauch eines Privilegs sein kann, verdeutlicht die folgende Geschichte. Vor einigen Jahren sprach mich im Kölner Hauptbahnhof ein sehbehinderter Mann an. Wohin ich denn wolle? Ich könne als seine Begleitperson doch kostenlos mitfahren. Nach einigem Herumgedruckse stellte sich raus, dass der Herr gar kein bestimmtes Ziel hatte, mich aber für drei Viertel des regulären Fahrpreises nach Mannheim begleitet hätte. Ich habe das Angebot dankend abgelehnt. Ein paar Wochen später sah ich den Herrn im ICE nach Berlin wieder, da hatte er einen Anzugträger im Schlepptau, der anscheinend weniger Skrupel hatte.

Der Mann hatte seine Einschränkung offenbar recht erfolgreich zum Beruf gemacht. Er verdiente Geld damit, sich Reisenden als Begleitperson anzudienen. Den Schaden hat aber nicht die Deutsche Bahn. Am Ende sind es erneut die ehrlichen Fahrgäste, die diese Trickserei durch erhöhte Ticketpreise bezahlen. Ich kann daran nichts Ehrenhaftes finden. Rein gar nichts.

 

 

Bahngeschichte X: Laternenparker bei der Bahn

An manchen Bahnhöfen sieht man sie noch: Ringlokschuppen mit Drehscheibe. Dort rostet die Weiche vor sich hin, sie wird sich nicht mehr drehen. Fenster sind eingeworfen, das Dach ist eingesunken. Nur wenige Schuppen haben ein neues Leben als Konzertsaal gefunden.

In den fächerförmig um eine Drehscheibe angeordneten Gebäuden wurden Dampflokomotiven gewartet. Deren Antrieb bedurfte viel mehr Pflege als die Elektromotoren von heute. Das Bild zeigt den Ringlokschuppen im Bahnbetriebswerk Frankfurt-Nied im Jahr 1939 – für den Lokschuppen war das eine bessere Zeit als heute, für alle anderen nicht. Aber das ist eine andere Geschichte. Heute stehen die Züge auf einfachen Abstellgleisen herum, wenn sie nicht im Einsatz sind. Die mühsame Arbeit des An- und Abkoppelns von Waggons und Lokomotiven gibt es im Personenverkehr der Deutschen Bahn praktisch nicht mehr.

Autofahrer und Gelegenheitsbahnfahrer schimpfen ja gern auf die Bahn. Sie sei zu teuer, zu unzuverlässig und zu unbequem. Dabei sind sich PKW und Zug zumindest im Parken gleich geworden. Die meisten Autos stehen wie die Züge unter freiem Himmel. Unter Mobilitätsexperten spricht man von „Laternenparkern“. Das sind Autofahrer, die ihren Wagen nicht in der eigenen Garage oder im Parkhaus abstellen, sondern am Straßenrand – eben unter der Laterne. In Großstädten ist das die Mehrzahl der Leute. Und die Deutsche Bahn gehört mit ihren Zügen dazu. Was die Parallele zu bedeuten hat, fragen Sie. Ich habe keine Ahnung. Aber in den Lokschuppen gehe ich für ein Konzert gerne.

Bahngeschichten IX: Die gestohlene Zeitung

Eine Bahnreise ohne Tageszeitung ist möglich, aber sinnlos. Doch was tun, wenn der Bahnhofskiosk am frühen Morgen noch geschlossen ist?

Regelmäßige Leser meiner Bahngeschichten (und erfahrene Reisende sowieso) wissen, dass der schönste Ort im ICE der Speisewagen ist. Er ist zudem ein ganz egalitärer Ort. Egal ob Fahrschein erster oder zweiter Klasse, der Kellner serviert Kaffee und Frühstück ohne Ansehens der Person gleichermaßen freundlich. Da liegt es nahe, zweiter Klasse im Speisewagen zu reisen und das gesparte Geld in kulinarische Annehmlichkeiten zu investieren. Nur vom kostenlosen Zeitungsangebot für die Gäste der ersten Klasse sollte man die Finger lassen. Sonst gibt’s Ärger mit dem Schaffner.

Morgens um 4:28 Uhr geht der erste ICE von Heidelberg Richtung Norden. Der preisbewusste Freiberufler reist zu seinem Geschäftstermin in Bremen natürlich nicht am Vortag an und hat das Onlineticket zweiter Klasse mit Bahncard und 50 Prozent Rabatt gekauft, obwohl der Auftraggeber am Ende alles zahlt. So kostet die Fahrt in die Hansestadt im Norden und zurück nur 114 Euro statt der stattlichen 380 Euro, die ein Reisender ohne Ermäßigung in der ersten Klasse zahlt. Der Ledersitz, die kostenlose Tageszeitung und die Geschäftstelefonate der Mitreisenden wiegen diese Differenz bei Weitem nicht auf.

Der Haken: So früh am Morgen kommt man in Heidelberg an keine Tageszeitung ran. Das ist aber eigentlich kein Problem. Denn 30 Minuten Umsteigezeit in Frankfurt am Main ließen genug Zeit, die Süddeutsche dort zu erwerben. Ein Selbstmörder durchkreuzt den Plan. Dreißig Minuten Verspätung sind schnell beisammen. Die Gleissperrung wird gerade noch rechtzeitig aufgehoben, um den Anschlusszug nach Hannover zu erreichen. Ohne Zeitung. In dieser Lage fühlt sich unsere Bahngeschichtenerzähler moralisch berechtigt, sich am Zeitungsangebot der ersten Klasse zu bedienen. Dummerweise wird ein Schaffner Zeuge, der kurz darauf die Fahrscheine im Speisewagen kontrolliert. Nach dem üblichen Procedere mit Einscannen des Codes und Vorzeigen der Bahncard entspinnt sich ein Dialog.

Zugbegleiter: „Darf ich jetzt bitte noch Ihren Fahrschein erster Klasse sehen?“

Bahngeschichtenerzähler (B) stellt sich doof: „Wieso?“

Zugbegleiter: „Das Zeitungsangebot ist ein Exklusivangebot für Reisende der ersten Klasse und Sie haben sich doch gerade eine genommen.“

Na gut, denke ich. Er hat mich ertappt. Aber so blöd muss er mir doch nicht kommen.

B: „Das weiß ich. Aber durch unsere Verspätung konnte ich keine Zeitung am Bahnhof kaufen, so wie ich es vorhatte.“

Diese Story glaubt er mir nicht. Ich solle die Zeitung zurückbringen. Da ich mich dank der plumpen Gesprächseröffnung nun aber endgültig moralisch überlegen fühle, kommt das nicht infrage. Ich lege die Zeitung zusammen und schiebe sie ihm hin.

Z (erbost): „Soll ich die etwa zurückbringen?“.

B: „Genau.“

Der Zugbegleiter geht kopfschüttelnd ab. Er kommt noch ein paar mal vorbei. Wir würdigen uns keines Blickes. Die gefaltete Zeitung bleibt bis Hannover unberührt liegen.

Bahngeschichte VIII: Profis schweigen

Bei jeder Zugfahrt kommt irgendwann der Moment, in dem Mitreisende über die Bahn schimpfen. Zu teuer, zu spät, zu unfreundlich. Wir Vielfahrer schweigen dann wissend. Denn wer so redet, gibt sich als jemand zu erkennen, der nur selten Bahn fährt.

Neulich musste ich mit dem Auto an einem Freitagnachmittag von Heidelberg nach Kassel fahren. 300 Kilometer, auf denen das Gesetz des Dschungels herrschte. Alle wollen schnell nach Hause, viele sind müde, die Stimmung ist aggressiv. Ich werde Zeuge von zwei Massenkarambolagen. In den Kasseler Bergen liegt ein BMW malerisch auf dem Dach. Dahinter staut sich der Verkehr auf 30 Kilometern. Es ist zum Glück die Gegenrichtung. Wie entspannt ist dagegen die Weiterfahrt von Kassel nach Berlin drei Tage später. Da sitze ich nämlich in einem ICE der Deutschen Bahn.

Im Speisewagen trinke ich Kaffee. Mit normaler Milch (vgl. Bahngeschichte 4). Draußen zieht Landschaft vorbei. In einer Stunde geht es über die Elbe. Vielleicht zeigen sich in Brandenburg sogar die seltenen Großtrappen.

Plötzlich geht es am Nebentisch los: „Fast hätten wir den Anschluss in Hannover nicht bekommen. Und es gab mal wieder keine Durchsage, dass der Zug falsch rum gereiht ist. Typisch. Da fährt man einmal im Jahr mit der Bahn. Und dann das.“ Jetzt bloß keinen Fehler machen. Ich könnte davon berichten, wie mich ein Schaffner vor 25 Jahren als Student mal sehr von oben herab behandelte. Oder von zwei Stunden zwischen Jena und Weimar, als sich ein Selbstmörder vor den Zug geworfen hatte. Oder von den ICEs mit fehleranfälliger Neigetechnik, die ab 2000 zwischen Frankfurt am Main und Dresden eingesetzt wurden und regelmäßig stundenlange Verspätungen einfuhren. Von ausgefallenen Klimaanlagen. Von unbenutzbaren Toiletten. Oder vom Stau auf der Schnellbahnstrecke Köln – Frankfurt-Flughafen. Doch das mache ich nicht. Denn verglichen mit den Erlebnissen auf deutschen Autobahnen sind das Kleinigkeiten. Und selten sind die unerfreulichen Erlebnisse noch dazu.* Ich beharre darauf: Das Reisen in großen Wagen mit Chauffeur ist sehr angenehm. Trotz der Beifahrer.

*Eine Einschränkung muss ich machen. Als der Bahnchef Mehdorn hieß und die Bahn sich an der Lufthansa orientierte, war Bahnfahren eine Zeitlang kein Vergnügen. Damals (2002) benannte die Bahn nicht nur die Züge nach dem Vorbild der Fluggesellschaft nach Städten um, sondern versuchte, aus dem Fahrplan noch die letzten Minuten herauszuquetschen. Als Folge gab es keine Zeitpuffer mehr, so klappten die Anschlüsse tatsächlich oft nicht. Inzwischen haben die Verantwortlichen aber erkannt, dass Bahnfahrer nicht möglichst schnell von A nach B kommen wollen, sondern besonders sicher, bequem und flexibel.

Bahngeschichten VII: Ein tiefer Zug im Zug

Die Deutsche Bahn hat 2007 ein komplettes Rauchverbot in ihren Zügen verfügt. Seither hält das Bahnfahren eine weitere Demütigung für Raucher bereit: Ein Atemzug demaskiert die Süchtigen.

Wir Vielfahrer kennen das Bild: Ein Bahnreisender nutzt den Drei-Minutenhalt für die schnelle Zigarette. In Köln oder Frankfurt sind es sogar fünf Minuten; dort wechselt der Zug die Richtung. Einen Fuß in der Tür, raucht er (es sind fast immer Männer) seine Zigarette in wenigen hastigen Zügen weg. Wenn der Zugbegleiter zur Abfahrt pfeift, fliegt die Kippe ins Gleisbett, die Tür schließt sich, der letzte nikotingeschwängerte Atemzug entweicht im Waggon. Genuss sieht anders aus. Und die Mitreisenden blickend sich schnuppernd und wissend an: Hier ist ein Mensch, den die Sucht im Griff hat.

Wenn die Raucher wüssten, welches beschämende Bild sie abgeben, so ginge davon womöglich ein starker Impuls aus, das Rauchen aufzugeben. Mit diesem Gedanken im Kopf setzte ich mich in den Speisewagen und bestelle den ersten Weißwein. Man gönnt sich ja sonst nichts.

 

Bahngeschichten VII: Baden baut die Mauer wieder auf

Die Berliner Mauer fiel 1989. Ihre würdige Nachfolgerin steht in Baden. Dort ist seit den frühen Neunzigern eine gigantische Lärmschutzwand entstanden. Was in der DDR dazu diente, die Bürger einzusperren, soll im Südwesten der Republik das Rattern der Züge dämpfen. Auch hinter der neuen Mauer liegt ein Todesstreifen, dessen Betreten streng verboten ist.

Zwischen Freiburg und Baden-Baden ist der Blick aus dem Zugfenster kein Vergnügen. Andernorts ziehen liebliche Landschaften vorbei, im Südwesten Deutschlands blockiert ein endloses 5 Meter hohes Betonband den Blick. Seit 1987 plant die Bahn den Ausbau der Rheintalbahn. Die Strecke zwischen Karlsruhe und Basel ist Teil der wichtigen Verbindung zwischen Rotterdam und Genua, hier sollen künftig viel mehr Güter auf der Schiene rollen als bisher. Der Abschnitt in Baden-Württemberg hat aber nur zwei Gleise. Zu wenig für den anschwellenden Verkehr. Also werden noch zwei Gleise dazugebaut.

Die Trassen laufen teils mitten durch idyllische Ortschaften. Nicht überall lassen sie sich an den Ortsrand verlegen. Um die Anwohner vor dem Lärm zu schützen, entstand rechts und links der Trasse eine riesige Lärmschutzwand. In Baden-Baden ist sie bereits fertig. Wer dort auf dem Fernradweg nach Süden unterwegs ist, radelt über mehrere Kilometer an der Wand entlang: rechts die Mauer, links das Industriegebiet. Der Eindruck ist gespenstisch. Eigentlich fehlen nur die Aussichtsplattformen, die den Touristen in Westberlin den Blick über die Mauerkrone auf den Todesstreifen ermöglichten.

Dafür gibt es in Badens Mauer alle paar hundert Meter Türen. Es sind Fluchtwege. Die gehen aber nicht auf. Zumindest nicht von außen. Das ist auch besser so. Denn dahinter liegt der badische Todesstreifen. Hier rasen die Züge vorbei.

Der Schienensuizid ist in Baden-Württemberg übrigens überproportional häufig. Ein Selbstmordschwerpunkt auf der Rheintalstrecke ist Emmendingen. Daran hat der Bau der Lärmschutzwände wenig geändert. Die lebensmüden Leute werfen sich jetzt im Bahnhof vor den Zug.*

*vgl. die Studie „Regionale und örtliche Verteilungsmuster von Bahnsuiziden„, 2004.

Bahngeschichten VI: Grün statt grau

Frank Stäudner leidet an schlimmen Phantomschmerzen. Er ist aus dem Vielfahrerprogramm der Deutschen Bahn rausgeflogen.

Meine neue BahnCard 50 ist da. Die alte war silbergrau und hatte ein Foto. Die neue ist grün. Ohne Foto. Dafür fahre ich jetzt mit „100 % Ökostrom“. Trotzdem ist meine Eitelkeit schwer verletzt. Ich bin tief gekränkt – die Bahn hat mir den BahnComfort-Status entzogen.

In den Genuss des Vielfahrerprogramms der Bahn kommt, wer oft mit dem Zug unterwegs ist und binnen zwölf Monaten für mindestens 2000 Euro Fahrkarten kauft. Mitte 2013 waren das rund 160.000 Menschen. Ich gehörte seit der Einführung des Programms 2002 stets dazu. Mit Bahn-Comfort-Status kam ich kostenlos in die DB-Lounges rein, die es in den meisten Großstadtbahnhöfen gibt und in denen Zeitungen, Kaffee und alkoholfreie Getränke serviert werden. In der Lounge im Berliner Hauptbahnhof bewirtet die Bahn ihre Gäste sogar mit Wein, Bier und leckeren Häppchen (sofern man einen 1.-Klasse-Fahrschein hat). Besonders bequem fand ich, dass ich mir die Platzreservierung sparen konnte. Im ICE war stets ein Sitzplatzkontingent für uns Vielfahrer frei, passenderweise meist direkt neben dem Speisewagen.

Das fröhliche Hedonistenleben auf Reisen geht nun leider zu Ende.

Früher nahm ich von Essen aus den Zug zu Geschäftsreisen nach Berlin, Hamburg, Bremen. Jetzt fahre ich von Heidelberg aus zu den Kunden der Akademie für wissenschaftliche Weiterbildung nach Mannheim, Stuttgart oder Steinheim an der Murr. Da kommen keine 2000 Statuspunkte mehr zusammen. Und nach Steinheim nimmt man besser das Auto.

Klar, vieles hat sich verbessert. Ich habe eine wunderbare Aufgabe. Der Geschäftsführerjob ist herausfordernd, abwechslungsreich, verantwortungsvoll, und ich bin an Bord des Kutters der Kapitän. Auf die materiellen Annehmlichkeiten der Comfort-BahnCard kann ich verzichten. Es ist der symbolische Verlust, der schmerzt. Mir kommt es so vor, als habe die Bahn mir ihre Zuneigung entzogen, als sie die grüne Karte schickte. Seither bleibt meine Liebe zu diesem großartigen Verkehrsmittel unerwidert. Das tut weh.

Doch vielleicht lädt mich mal jemand in die DB-Lounge nach Mannheim ein. Eine Begleitperson darf  nämlich kostenlos mit hinein. Und bei der nächsten Fahrt mit dem ICE setze ich mich für ein paar Minuten auf einen der BahnComfort-Sitzplätze und tu so, als gehörte ich noch dazu.

Bahngeschichten 5: Die Serengeti der Fahrräder

Vor dem Heidelberger Hauptbahnhof erstreckt sich die offene Weite des Willy-Brandt-Platzes – wenn da nicht viele hundert Fahrräder der Pendler wären. Dicht an dicht stehen rostige Zweiräder und recken ihre Sättel und Lenker in die Luft.

Zu Tausenden grasen Gnus und Zebras die Serengeti-Savanne ab. Aus der Luft wirkt es fast, als formten die großen Antilopen eine einzige Masse lebender Leiber. Die Tiere fressen sich Fettpolster an, bevor die Trockenzeit die Steppe in Staub verwandelt. Bald steht die große Wanderung in neue Weidegründe bevor. Was für ein gewaltiges Schauspiel! Auf dem Heidelberger Bahnhofsvorplatz bahnt sich etwas Ähnliches an.

Zu Hunderten stehen die Fahrräder der Pendler in Reih und Glied in den Fahrradständern. Kein Poller und keine Laterne, an der nicht rostige Zweiräder angekettet sind. Selbst der Pavillon der Touristeninformation muss als Abstellplatz herhalten.

Wer später zur Arbeit fährt, findet alle Ständer belegt vor und quetscht sein Fahrrad halt irgendwo dazwischen. Das hinterlässt Spuren: hier ein abgerissenes Dynamokabel, dort ein zerschlitzter Sattel, Rost allenthalben. Ein stolzes Pendlerrad trägt seine Narben mit Würde. Das Kalkül der Besitzer scheint klar: Sich in die heruntergekommene Masse des Schwarms unauffällig einzufügen, ist die denkbar beste Diebstahlsicherung.

Doch es droht Gefahr. Die Zahl der Fahrradleichen steigt. Der geübte Blick erkennt sie sofort: platte Reifen, krumm getretene Räder. Manches von seinem Besitzer verlassene Rad dient bereits als Ersatzteillager. Dann fehlen Sattel, Bremsgriff oder Kabel. Das ruft die Gesundheitspolizei der Savanne auf den Plan. Mitarbeiter der Bahnhofsverwaltung verpassen den verdächtigen Vehikeln eine Markierung, meist eine farbige Banderole am Oberrohr.  Jetzt wird’s eng. Wurde das Rad auch nach Tagen und Wochen nicht bewegt, wird es eingesammelt. Anfang Oktober nun kommen die herrenlosen Fahrräder in einer öffentlichen Versteigerung unter den Hammer. Die große Wanderung beginnt.

Frank Stäudner

Bahngeschichten: „Den Kaffee bitte mit normaler Milch“

Der Autor stellt Überlegungen über das Frühstücken im Zug an und zieht Parallelen zu einem bekannten Hollywoodfilm.

Jedes Mal, wenn ich im ICE-Speisewagen frühstücke (was gelegentlich vorkommt), fällt mir eine Szene aus dem Film „Harry und Sally“ ein. Das ist der Film mit Billy Christal und Meg Ryan, demzufolge Männer und Frauen keine Freunde sein können, „weil Ihnen immer der Sex dazwischen kommt“. Und der berühmt ist für eine Restaurantszene, in der ein gespielter Orgasmus vorkommt und die Hauptdarstellerin diverse Änderungswünsche an ihr Essen hat, insbesondere den, dass die Salatsoße „auf einem Extrateller“ serviert wird. Daran muss ich immer denken, wenn ich selber Änderungswünsche an meinem „Boulevard-Frühstück“ anmelde. Das ist erfreulicherweise möglich – und für mich immer wieder ein Beleg dafür, dass die Bahn doch recht kundenfreundlich geworden ist.

Das Boulevard-Frühstück besteht aus einem Riesenbrotkorb inklusive Croissant. Wurst und Käse, Honig Marmelade, Butter und Frischkäse. Noch nie habe ich alles aufessen können, und ich kenne auch niemanden, der es je geschafft hätte. Die Menge ist allerdings nicht mein Problem. Mir machen der Käse und die Kondensmilch zu schaffen. Beides mag ich überhaupt nicht. So sage ich: „Lassen Sie bitte den Käse weg, und meinen Kaffee hätte ich gern mit normaler Milch.“

Ich bekomme dann die Milch in einem kleinen Kännchen serviert statt der zwei Kondensmilchdöschen, die üblich sind. Das mag ich. Am Rande bemerkt: Ich habe nie verstanden, warum bei Tagungen, in der Bahn, bei Besprechungen zum Kaffee praktisch immer Kondensmilch oder Kaffeesahne serviert wird. Außer meiner Schwiegermutter kenne ich niemanden, der den Kaffee nicht viel lieber mit fettarmer H-Milch oder Frischmilch tränke. Also, liebe Bahn und alle anderen Kaffeeanbieter: Wir wollen den Kaffee mit normaler Milch trinken!

Wenn ich dann noch ganz viel Glück habe (das war heute früh nicht der Fall), ersetzt der Kellner den Käse durch eine Zusatzportion Wurst und Schinken. Und an einem perfekten Morgen ist der Croissant erst wenige Minuten zuvor an Bord gekommen und noch knusprig frisch (das war heute früh ebenfalls nicht der Fall). Aber das sind Kleinigkeiten. Frühstücken in der Bahn kann ich nur empfehlen.

 

@earl_piggot: Dein Wunsch nach mehr Bahngeschichten ist mir Befehl. Beim nächsten Mal nehme ich mir die Bahnnörgler vor.