Bahngeschichten VII: Baden baut die Mauer wieder auf

Die Berliner Mauer fiel 1989. Ihre würdige Nachfolgerin steht in Baden. Dort ist seit den frühen Neunzigern eine gigantische Lärmschutzwand entstanden. Was in der DDR dazu diente, die Bürger einzusperren, soll im Südwesten der Republik das Rattern der Züge dämpfen. Auch hinter der neuen Mauer liegt ein Todesstreifen, dessen Betreten streng verboten ist.

Zwischen Freiburg und Baden-Baden ist der Blick aus dem Zugfenster kein Vergnügen. Andernorts ziehen liebliche Landschaften vorbei, im Südwesten Deutschlands blockiert ein endloses 5 Meter hohes Betonband den Blick. Seit 1987 plant die Bahn den Ausbau der Rheintalbahn. Die Strecke zwischen Karlsruhe und Basel ist Teil der wichtigen Verbindung zwischen Rotterdam und Genua, hier sollen künftig viel mehr Güter auf der Schiene rollen als bisher. Der Abschnitt in Baden-Württemberg hat aber nur zwei Gleise. Zu wenig für den anschwellenden Verkehr. Also werden noch zwei Gleise dazugebaut.

Die Trassen laufen teils mitten durch idyllische Ortschaften. Nicht überall lassen sie sich an den Ortsrand verlegen. Um die Anwohner vor dem Lärm zu schützen, entstand rechts und links der Trasse eine riesige Lärmschutzwand. In Baden-Baden ist sie bereits fertig. Wer dort auf dem Fernradweg nach Süden unterwegs ist, radelt über mehrere Kilometer an der Wand entlang: rechts die Mauer, links das Industriegebiet. Der Eindruck ist gespenstisch. Eigentlich fehlen nur die Aussichtsplattformen, die den Touristen in Westberlin den Blick über die Mauerkrone auf den Todesstreifen ermöglichten.

Dafür gibt es in Badens Mauer alle paar hundert Meter Türen. Es sind Fluchtwege. Die gehen aber nicht auf. Zumindest nicht von außen. Das ist auch besser so. Denn dahinter liegt der badische Todesstreifen. Hier rasen die Züge vorbei.

Der Schienensuizid ist in Baden-Württemberg übrigens überproportional häufig. Ein Selbstmordschwerpunkt auf der Rheintalstrecke ist Emmendingen. Daran hat der Bau der Lärmschutzwände wenig geändert. Die lebensmüden Leute werfen sich jetzt im Bahnhof vor den Zug.*

*vgl. die Studie „Regionale und örtliche Verteilungsmuster von Bahnsuiziden„, 2004.

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