Bahngeschichten IX: Die gestohlene Zeitung

Eine Bahnreise ohne Tageszeitung ist möglich, aber sinnlos. Doch was tun, wenn der Bahnhofskiosk am frühen Morgen noch geschlossen ist?

Regelmäßige Leser meiner Bahngeschichten (und erfahrene Reisende sowieso) wissen, dass der schönste Ort im ICE der Speisewagen ist. Er ist zudem ein ganz egalitärer Ort. Egal ob Fahrschein erster oder zweiter Klasse, der Kellner serviert Kaffee und Frühstück ohne Ansehens der Person gleichermaßen freundlich. Da liegt es nahe, zweiter Klasse im Speisewagen zu reisen und das gesparte Geld in kulinarische Annehmlichkeiten zu investieren. Nur vom kostenlosen Zeitungsangebot für die Gäste der ersten Klasse sollte man die Finger lassen. Sonst gibt’s Ärger mit dem Schaffner.

Morgens um 4:28 Uhr geht der erste ICE von Heidelberg Richtung Norden. Der preisbewusste Freiberufler reist zu seinem Geschäftstermin in Bremen natürlich nicht am Vortag an und hat das Onlineticket zweiter Klasse mit Bahncard und 50 Prozent Rabatt gekauft, obwohl der Auftraggeber am Ende alles zahlt. So kostet die Fahrt in die Hansestadt im Norden und zurück nur 114 Euro statt der stattlichen 380 Euro, die ein Reisender ohne Ermäßigung in der ersten Klasse zahlt. Der Ledersitz, die kostenlose Tageszeitung und die Geschäftstelefonate der Mitreisenden wiegen diese Differenz bei Weitem nicht auf.

Der Haken: So früh am Morgen kommt man in Heidelberg an keine Tageszeitung ran. Das ist aber eigentlich kein Problem. Denn 30 Minuten Umsteigezeit in Frankfurt am Main ließen genug Zeit, die Süddeutsche dort zu erwerben. Ein Selbstmörder durchkreuzt den Plan. Dreißig Minuten Verspätung sind schnell beisammen. Die Gleissperrung wird gerade noch rechtzeitig aufgehoben, um den Anschlusszug nach Hannover zu erreichen. Ohne Zeitung. In dieser Lage fühlt sich unsere Bahngeschichtenerzähler moralisch berechtigt, sich am Zeitungsangebot der ersten Klasse zu bedienen. Dummerweise wird ein Schaffner Zeuge, der kurz darauf die Fahrscheine im Speisewagen kontrolliert. Nach dem üblichen Procedere mit Einscannen des Codes und Vorzeigen der Bahncard entspinnt sich ein Dialog.

Zugbegleiter: „Darf ich jetzt bitte noch Ihren Fahrschein erster Klasse sehen?“

Bahngeschichtenerzähler (B) stellt sich doof: „Wieso?“

Zugbegleiter: „Das Zeitungsangebot ist ein Exklusivangebot für Reisende der ersten Klasse und Sie haben sich doch gerade eine genommen.“

Na gut, denke ich. Er hat mich ertappt. Aber so blöd muss er mir doch nicht kommen.

B: „Das weiß ich. Aber durch unsere Verspätung konnte ich keine Zeitung am Bahnhof kaufen, so wie ich es vorhatte.“

Diese Story glaubt er mir nicht. Ich solle die Zeitung zurückbringen. Da ich mich dank der plumpen Gesprächseröffnung nun aber endgültig moralisch überlegen fühle, kommt das nicht infrage. Ich lege die Zeitung zusammen und schiebe sie ihm hin.

Z (erbost): „Soll ich die etwa zurückbringen?“.

B: „Genau.“

Der Zugbegleiter geht kopfschüttelnd ab. Er kommt noch ein paar mal vorbei. Wir würdigen uns keines Blickes. Die gefaltete Zeitung bleibt bis Hannover unberührt liegen.

Das Gift der Symbolik

Islamisten und Islamkritiker sind sich ähnlich. Beide bedienen sich im Werkzeugkasten der Symbole, um sich ihre je eigene Welt zu erschaffen. Der Philosoph Ernst Cassirer hat die Mechanismen in seinem Werk beschrieben.

Der Mensch ist ein symbolisches Tier. Wir können uns Dinge vorstellen, die es gar nicht gibt. Durch den gemeinschaftlichen Glauben werden sie dennoch wirklich. Weil wir alle fest an den Wert von bunt bedrucktem Papier glauben, können wir damit Häuser, Autos oder Arbeitskraft kaufen. Geld, Menschenrechte, Religion existieren erst durch unsere Vorstellungskraft. Wir konstruieren und strukturieren unsere Welt durch Ausgedachtes.

Die islamistischen Mörder von Paris, die Terroristen des Islamischen Staats in Syrien und im Irak und die Dresdner Montagsdemonstranten von der Pegida sind sich darin ganz nah. Alle haben sich ein Zerrbild des Islam geschaffen, aus dem sie ihre Selbstermächtigung schöpfen. Die Überzeugung von der Berechtigung des eigenen Tuns ist so stark, dass sie ausreicht, um ein Dutzend Menschen dafür zu ermorden, dass sie sich über einen Religionsstifter lustig machen. Sie ist so stark, unter der Flagge des Glaubens tausende Frauen zu versklaven und zu vergewaltigen. Sie ist stark genug, gegen die angebliche „Islamisierung des Abendlandes“ auf die Straße zu gehen und ein allgemeines Unbehagen am Zustand der deutschen Gesellschaft zu artikulieren, das mit Fakten wenig zu tun hat. Alle haben sich einen Popanz gebaut. Die Psychologie hat längst erkannt, dass es mit der menschlichen Vernunft nicht so weit her ist, wie wir gerne meinen. Wir halten selbst dann an unseren Überzeugungen fest, wenn sie durch Fakten widerlegt wurden. Deswegen sind die Versuche der Medien und der etablierten politischen Parteien rührend, aber ganz vergeblich, Pegida-Anhänger mit Tatsachen zu begegnen. Ob in Deutschland fünf Prozent oder irgendwann sieben Prozent der Bewohner Muslime sind und es in Dresden kaum Ausländer gibt, ist für die Demonstranten und ihre Furcht vor einer „Islamisierung“ der Bundesrepublik offenkundig ohne Belang.

Stattdessen könnte es sich lohnen, Cassirer zu lesen. Der deutsch-jüdische Philosoph Ernst Cassirer (1874 bis 1945) hat sich damit beschäftigt, wie Menschen in gesellschaftlichen Krisen reagieren. Im Jahr 1933 konnte Cassirer aus Deutschland entkommen. Aus dem britischen und später US-amerikanischen Exil beobachtete er Aufstieg und Fall des Nationalsozialismus. Was er sah, hat er in seinem letzten Werk „Vom Mythus des Staates“ festgehalten. Demnach komme es in gesellschaftlichen Krisen zu einer Verunsicherung der Vernunft. Die Menschen bedienen sich dann im Werkzeugkasten von Religion, Mythos und Stereotypen, um sich ein neues Weltbild zu bauen. „In verzweifelten Lagen will der Mensch immer Zuflucht zu verzweifelten Mitteln nehmen – und die politischen Mythen unserer Tage [= der Weimarer Republik, F.S.] sind solche verzweifelte Mittel gewesen“, schreibt Cassirer.

Namentlich die Dolchstoßlegende von der vermeidbaren Niederlage Deutschlands im Ersten Weltkrieg und die angebliche jüdische Weltverschwörung gehören zu diesen Mythen. „In der Politik leben wir immer auf vulkanischem Boden. Wir müssen auf abrupte Konvulsionen und Ausbrüche vorbereitet sein. In allen kritischen Augenblicken des sozialen Lebens des Menschen sind die rationalen Kräfte, die dem Wiedererwachen der alten mythischen Vorstellungen Widerstand leisten, ihrer selbst nicht mehr sicher.“ Politische Mythen bilden sich aber nicht einfach so. Sie sind Cassirer zufolge „künstliche Dinge, von sehr geschickten und schlauen Handwerkern erzeugt.“

Es bedurfte einiger Jahre und einer Menge an propagandistischem Geschick, die Juden zu Sündenböcken zu machen, aus der Gesellschaft auszustoßen und ihre millionenfache Ermordung vorzubereiten. Das Ergebnis ist bekannt. Dabei setzte der Nationalsozialismus nicht nur „eine Umwertung aller unserer ethischen Werte, sondern auch eine Umformung der menschlichen Sprache“ ins Werk, sagt Cassirer. Ganz unwillkürlich denkt man an die Pegida-Demonstranten und ihren Ruf von der „Lügenpresse“. Hier haben sich Menschen ein Feindbild gebaut, das ihr Weltbild stabilisiert. Was den Nazis die Juden waren, sind den Pegida-Demonstranten die Muslime. Und gegen die bürgerliche Presse polemisieren beide.

Cassirers Fazit fällt 1945 pessimistisch aus: „In der Politik haben wir noch keinen festen und zuverlässigen Boden gefunden. [..] Wir sind immer vom plötzlichen Rückfall in das alte Chaos bedroht. Wir bauen hohe und stolze Gebäude; aber wir vergessen, ihre Fundamente sicher zu machen.“ Die Antwort der US-amerikanischen Regierung auf den Anschlag des 11. September 2001 bestätigt die pessimistische Diagnose Cassirers. Die erfolgreiche Attacke auf New Yorks strahlende Zwillingstürme war nicht nur eine Tat von abscheulicher Brutalität und Grausamkeit. Sie strahlte auch eine ungeheure symbolische Gewalt aus. Die Regierung unter George W. Bush ließ sich zu einer ebenso starken symbolischen Antwort hinreißen. In der Folge des „Kriegs gegen den Terror“ entstanden geheime Foltergefängnisse. Terrorverdächtige wurde ohne Aussicht auf einen rechtsstaatlichen Prozess verschleppt und sitzen teilweise bis heute fest. Unbeteiligte und Unschuldige starben und sterben durch amerikanische Drohnen.

Die USA warfen konstituierende Werte eines jeden demokratischen Rechtsstaates über Bord. Darin mag der wahre Triumph der Terroristen liegen: Wir wurden wie sie. Wir teilten die Welt in Schwarz und Weiß, in uns und die. Pegida tut es. Die Islamisten tun es. Die Leute, die ihre Art der Vergeltung für die Morde in Paris üben und Moscheen beschmieren und Musliminnen bespucken, tun es. Wir anderen aber – wir sollten es nicht tun. Wie schwer das angesichts der Gewalt der Bilder sein kann, davon weiß Ernst Cassirer zu berichten.

Warum essen Kinder so gerne Pommes mit Ketchup?

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Harald Wanetschka, pixelio.de

Das hat die Evolution so eingerichtet. Wer sich für gesundes Essen in Schulkantinen einsetzt, nimmt es mit einem mächtigen Gegner auf: der Natur. Eine aktuelle Studie des Bundesernährungsministeriums bemängelt, es stünde zuviel Fleisch auf dem Speiseplan. Die Kinder sind, wenig überraschend, damit überwiegend zufrieden. Ernährungswissenschaftler haben ein paar Ideen, wie sich Kinder für Gemüse begeistern lassen.

Das Klischee stimmt. Kinder lieben Pommes und mögen keinen Brokkoli. Die knusprigen und fettigen Kartoffelstäbchen mit ihrer süßen Soße schmecken den Kleinen einfach gut. Erst recht, wenn sie mit den Fingern gegessen werden dürfen. Fast Food steht bei Kindern weltweit hoch im Kurs. Die Vorliebe für Süßes und Fettiges teilen Kinder in allen Kulturen. Diese Geschmacksvorlieben stammen aus einer Zeit, als unsere Vorfahren ihr Mittagessen noch mühsam jagen oder sammeln mussten. Fett war mit seinem hohen Kaloriengehalt ein wertvolles Nahrungsmittel. Die natürliche Vorliebe für Süßes ist für Kinder zudem ein natürlicher Selbstschutz. Süße Beeren sind selten giftig. Dass bittere Zutaten schmackhaft sein können, müssen Kinder erst lernen. Geschmack kann aber geschult werden. Hier setzen Ernährungsforscherinnen wie Mathilde Kersting an. Die Professorin am Dortmunder Forschungsinstitut für Kinderernährung hat beobachtet, dass klassische Aufklärungskampagnen wirkungslos bleiben. Statt vor den Gesundheitsgefahren von Fast Food zu warnen, will sie die Abenteuerlust und Phantasie der Kinder anregen. Restaurants und Kantinen könnten anstelle des traditionellen Kindertellers mit Fischstäbchen, Pommes oder Currywurst auch einmal Piratenschiffe mit einem Rumpf aus Gurke und Segeln aus Fisch servieren. Die Geschmackserziehung einer ganzen Gesellschaft funktioniert allerdings nur in kleinen Schritten. Hoffnung macht den Ernährungswissenschaftlern immerhin, dass der Fettverzehr bei Kindern in Deutschland in den letzten Jahren gesunken ist.

Die Nüchternheit im Angesicht des Todes

Sie fehlt. Die Debatte um Sterbehilfe krankt an einem Übermaß an Emotionalität. Die Bundestagsdebatte am 13. November 2014 zeigt das klar. Der Sache tut das nicht gut. Sterbehilfevereine sind ein Preis der Freiheit. Ein Kommentar.

„Sternstunde des Parlaments“, „große Ernsthaftigkeit“ – die Berichterstattung ist nicht frei von Pathos. Die Bundestagsabgeordneten diskutieren in einer so genannten Orientierungsdebatte ohne Fraktionszwang. Sie wollen bis zum Frühjahr 2015 ein Gesetz zur Sterbehilfe vorbereiten.

Eine stabile Dreiviertelmehrheit der Deutschen wünscht sich, im Fall von Krankheit und Leid im Alter selbst über den eigenen Tod zu bestimmen. Wer noch die Kraft hat und sich selbst das Leben nimmt, der macht von seiner Freiheit Gebrauch. Er ist zwar in den Augen der Kirchen ein Sünder, aber kein Fall für das Strafgesetz. Wie auch. Er (die übergroße Mehrheit der Selbstmörder sind Männer) ist ja tot. Was aber ist zu tun, wenn ein Mensch auf Hilfe angewiesen wäre, sich das Leben zu nehmen? Darf er auf Hilfe hoffen? Die Debatte angesichts der letzten Fragen ist mit Gefühl aufgeladen. Gut tut ihr das nicht.

Kaum ein Abgeordneter ließ es an persönlicher Betroffenheit fehlen. Mit großer Eindringlichkeit schilderten Peter Hintze (CDU) und andere, wie sie Zeugen von Leid und Sterben im eigenen Familienkreis wurden. Alle argumentieren dabei mit der Menschenwürde, die zu schützen das höchste Gut sei, kommen aber zu völlig gegensätzlichen Positionen. Das ist auch kein Wunder.

Wer einen Grundkurs Philosophie besucht hat, der weiß, dass Verallgemeinerungen von Einzelfällen ihre logischen Tücken haben. Aus der Betrachtung des Einzelfalls lässt sich niemals eine allgemeine Regel begründen. Besser wäre es, ohne Bekundungen persönlicher Betroffenheit auszukommen und stattdessen einen Blick auf die Grundprinzipien zu werfen, mit denen wir unser Gemeinwesen organisieren.

Hier kommt die Menschenwürde ins Spiel. Alle berufen sich auf sie. Das Grundgesetz formuliert ihren Schutz als erste und wichtigste Aufgabe aller staatlichen Gewalt. „Würde“ ist aber ein deutungsbedürftiger Begriff. Sonst könnte ihre Anrufung nicht zu einander ausschließenden Positionen führen. Ich erlaube mir die bescheidene Meinung, dass die Autoren des Grundgesetzes den Artikel Eins unglücklich formuliert haben, indem sie einen abstrakten Begriff wählten. Er erlaubt es, Menschenwürde losgelöst von den einzelnen Menschen zu betrachten. Besser macht es die US-amerikanische Unabhängigkeitserklärung: „Wir halten diese Wahrheiten für ausgemacht, dass alle Menschen gleich erschaffen worden, dass sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten begabt worden, worunter sind Leben, Freiheit und das Streben nach Glück.“ Hier knüpft die Verfassung die Grundrechte direkt und explizit an den Einzelnen.

Freiheit ist das Grundprinzip jeder freiheitlichen Ordnung. Sonst wäre sie ja nicht freiheitlich. Jeder erwachsene Bürger kann tun, was er mag. Grenzen seiner Freiheit setzt erst die Freiheit der anderen Bürger. Die Gesetze, staatlichen Institutionen, die Sozialversicherung, sie sind alle dazu da, diese Freiheit zu ermöglichen. Und da jeder, der seinem Leben ein Ende setzt, von seiner Freiheit Gebrauch macht, lässt sich ein Verbot der Sterbehilfe keinesfalls rechtfertigen. Das gilt, davon bin ich überzeugt, sowohl für passive wie aktive Sterbehilfe.

Paradoxerweise ist aktive Sterbehilfe in Deutschland verboten. Kein Arzt darf einen Schwerkranken mit einer Giftspritze töten, selbst wenn dieser das unbedingt möchte. Einen Giftcocktail neben das Krankenbett zu stellen, das ist dagegen erlaubt. Mir erscheint die scharfe gesetzliche Trennung beider Situationen zutiefst willkürlich. Denn in beiden Fällen verwirklicht der kranke Mensch seine Freiheit.

Manche Menschen bedienen sich der Hilfe von Sterbehilfevereinen. In der Bundestagsdebatte zeichnete sich ein breiter Konsens ab, die gewerbliche Sterbehilfe zu verbieten. Dabei spielt sicher eine Rolle, dass manche selbsternannten Sterbehelfer wie der ehemalige Hamburger Senator Roger Kusch eine unangenehme Figur abgeben. „Niemand soll am Sterben anderer Geld verdienen.“ Dieser Impuls liegt nahe, er ist psychologisch verständlich. Dumm ist er dennoch. Denn was wären die Alternativen? Soll die Verantwortung bei den Ärzten liegen, Sterbehilfe gewissermaßen zur Kassenleistung werden?

Hierzu ein kleines Gedankenexperiment: Man stelle sich vor, ein Todkranker verlangt von seinem Hausarzt Hilfe beim Freitod. Der Arzt ist Katholik, der Wunsch bringt ihn in ein ethisches Dilemma. Sein Glaube verbietet den Selbstmord. Da die Sterbehilfe inzwischen aber von Staats wegen institutionalisiert ist, verpflichtet ihn das ärztliche Ethos (und ein Vertrag mit den Krankenkassen) darauf, seinen Patienten nicht abzuweisen. Wer einen Arzt nicht in diese oder eine ähnliche Zwangslage bringen möchte, der darf Sterbehilfe nicht entprivatisieren. Wir müssen es den Freiwilligen überlassen. Mit anderen Worten: Sterbehilfevereine sind ein notwendiges Übel. Sie sind der Preis der Freiheit. Wir sollten ihn zahlen.

Das Heidelberger Social-Media-Experiment

Bei der Heidelberger Oberbürgermeisterwahl 2014 wird sich Amtsinhaber Eckart Würzner durchsetzen. Mangels aussichtsreicher Gegenkandidaten ist die Wahl eine Formsache. Das macht ein kleines Twitterexperiment möglich. Gebt eure Stimme einem Kandidaten, der nicht auf dem Wahlzettel steht. Demonstriert damit die Reichweite sozialer Medien. Wählt mich.

Aktualisierung vom 27.10.2014. Eckart Würzner ist längst gewählt. Weil aber 1211 Stimmen auf freie Kandidaten entfielen, gab es das amtliche Endergebnis erst heute. Eine ganze Reihe von bekannten und weniger bekannten Personen erhielten sechs Stimmen oder mehr. Der sympathische Ex-Gemeinderat Derek Cofie-Nunoo bekam mit 69 Stimmen die meisten ab. Die beiden Twitterexperimentatoren Lars Fischer (@fischblog) und ich tauchen nicht in der Liste auf. Damit darf das Social-Media-Experiment als gescheitert gelten. Oder als produktiver Fehlschlag. Denn eine mögliche Interpretation könnte lauten: Twitterer sind für jeden Unfug zu haben, aber nicht für Scherze mit ernsthaften Angelegenheiten wie demokratischen Wahlen.

Am Sonntag, den 19.10.2014 wählen die Heidelberger Bürgerinnen und Bürger ihren Oberbürgermeister. Der parteilose Amtsinhaber Dr. Eckart Würzner stellt sich erneut zur Wahl. Ihn unterstützt ein breites Bündnis der bürgerlichen Parteien. Gegen Würzner tritt der ebenfalls parteilose Alexander Kloos an, der schon bei der letzten Wahl 2006, damals noch neben acht Konkurrenten, einen Anlauf genommen hatte. SPD und Grünen war es diesmal nicht gelungen, einen namhaften Gegenkandidaten zu finden. Alles andere als ein deutlicher Sieg für Würzner mit absoluter Mehrheit im ersten Wahlgang wäre eine faustdicke Überraschung.

Zwar stehen auf dem Wahlzettel nur die Namen Würzner und Kloos. Die Wähler sind aber frei, auch andere Namen auf den Stimmzettel zu schreiben. Bei der Stichwahl im November 2006 machten immerhin 23 Wahlberechtigte davon Gebrauch (siehe amtliches Endergebnis der OB-Wahl 2006). Die Wählbarkeit ist so definiert: „Wählbar sind Deutsche im Sinne von Artikel 116 Absatz 1 des Grundgesetzes und Staatsangehörige eines anderen Mitgliedstaates der Europäischen Union, die vor der Zulassung der Bewerbungen in der Bundesrepublik Deutschland wohnen; die Bewerber müssen am Wahltag das 25., dürfen aber noch nicht das 65. Lebensjahr vollendet haben und müssen die Gewähr dafür bieten, dass sie jederzeit für die freiheitliche, demokratische Grundordnung im Sinne des Grundgesetzes eintreten.“ Es ist zwar noch nie vorgekommen, dass ein Überraschungskandidat auf diese Weise gewählt wurde. Er oder sie müsste das Amt auch nicht antreten. Aber wenn eine Person mindestens sechs Stimmen erhält, dann muss sich der Wahlausschuss damit befassen.

Ich lade die in Heidelberg wahlberechtigten Leserinnen und Leser dieses Blogs zu einem kleinen Social-Media-Experiment ein: Geben Sie mir („Dr. Frank Stäudner“) Ihre Stimme bei der OB-Wahl am 19. Oktober 2014. Ich habe weder ein Wahlprogramm noch die Absicht, mich in der Kommunalpolitik einzumischen. Aber ich werde später an dieser Stelle über das Ergebnis berichten. Phantasienamen („Mickey Maus“) machen den Wahlzettel übrigens ungültig.

Es gibt naheliegende Einwände gegen das Experiment.

1) Freie, gleiche und geheime Wahlen sind das Herzstück der Demokratie. Damit darf man keine Scherze treiben. Außerdem verhöhnt es die ernsthaften Kandidaten.

2) Das so genannte Experiment beweist nichts. Weder sind die Fallzahlen groß genug für eine aussagefähige Statistik, noch lassen sich die Randbedingungen kontrolliert variieren.

Ich erwidere: Die Freiheit in einer Demokratie drückt sich insbesondere darin aus, dass ein Wähler mit seiner Stimme tun kann, was er will, und niemandem Rechenschaft schuldet. Es läge mir fern, Kloos und Würzner zu nahe treten zu wollen, die ich beide für honorige Männer halte. Ich vertraue auf ihre Souveränität. Gut möglich, dass das Twitterexperiment nichts beweist. Aber wenn man immer wüsste, was bei Experimenten rauskommt, dann müsste man sie nicht machen.

In diesem Sinn danke ich schon im Voraus recht herzlich für Aufmerksamkeit und Unterstützung.

Frank Stäudner

 

Ausflug ins Floskelland

Floskeln sind gefährlich. Es ist die Haupteigenschaft einer abgedroschenen Redewendung, dass jedermann sie sofort versteht. Sie werden daher gern gedankenlos benutzt. Überlegten wir mehr, kämen manche Formulierungen nicht über unsere Lippen. „Sich hinter jemanden stellen“ ist eine davon.

Besonders anfällig ist die Sportberichterstattung für stereotypen Sprachgebrauch. So titelt Spiegel online am 22.9.2014 „Bobic stellt sich hinter Trainer Veh“. Sportvorstand Fredi Bobic, so der Bericht, habe dem Trainer des Fußballbundesligisten VfB Stuttgart Armin Veh ungeachtet mäßiger Resultate eine Jobgarantie gegeben.

Veh sollte sich Sorgen machen. Echte Unterstützung sieht zumindest unter sprachlichen Gesichtspunkten anders aus. Da die Gefahr meist von vorne kommt, stellt sich ein mutiger Beschützer vor den Trainer. Wer dahinter steht, will eher einen Widerstrebenden an einen ungeliebten Ort vor sich her schieben. Besser für Veh wäre es, wenn Bobic ihm den Rücken hätte stärken wollen.

Wie schief die Floskel ist, zeigt ein Blick in die Vergangenheit. Im 18. Jahrhundert zogen Heere in fester Schlachtordnung ins Gefecht. Die Offiziere gingen hinter ihren Truppen – um die einfachen Soldaten am Weglaufen hindern zu können. Die einen fanden wenig Vergnügen daran, sich in fester Formation über den Haufen schießen zu lassen, der andere sollte sich Sorgen machen, was sein Sportvorstand im Rücken so treibt. Denn oft genug läuten Solidaritätsadressen im Fußball den Anfang vom Ende eines Trainerjobs ein.

P.S.: Wer die Zahl der Floskeln in diesem Text an den Autor übermittelt, der bekommt eine Verlinkung auf eine Webadresse eigener Wahl geschenkt.

Frank Stäudner

Wählerbeschimpfung

Weniger als die Hälfte der Wahlberechtigten hat bei der Landtagswahl in Sachsen am 31.8.2014 die Stimme abgegeben. Regenwetter und das Ende der Sommerferien sorgten für einen Minusrekord von 49,2 Prozent. SPD-Chef Sigmar Gabriel machte noch am Wahlabend CDU-Ministerpräsident Stanislaw Tillich für die geringe Wahlbeteiligung verantwortlich. Gabriel nannte es eine „Dummheit“, den Wahltermin auf den letzten Ferientag zu legen. „Man sollte nicht darauf setzen, dass die Wähler im Urlaub sind,“ sagte der SPD-Chef im ZDF.

Anstelle des politischen Gegners hätte Gabriel mit den besseren Gründen die Wähler beschimpfen können. Immerhin gibt es dank Briefwahl keinerlei Grund, die Stimmabgabe zu verpassen. Wem Wählen wichtig war, der konnte es tun. Wenn dennoch weniger als die Hälfte der Sachsen wählen ging, dann war es der Mehrheit eben nicht wichtig genug. Dafür mag es respektable und weniger respektable Gründe geben. Die Diagnose von der Politikverdrossenheit ist schnell bei der Hand. Sie hat nur den Nachteil, dass nicht klar ist, wer für die Verdrossenheit verantwortlich ist. Nach verbreiteter Lesart sind es „die Parteien“, die den Wählern kein attraktives Angebot machen. Vielleicht sind es aber auch „die Wähler“, die nachlässig ihr demokratisches Grundrecht mit Füßen treten.

Nun dürfen Politiker nach etablierter Lehre niemals ihre Wähler beschimpfen. Gabriel blieb daher nur die Attacke auf Tillich. Journalisten haben mehr Freiheiten. Nikolaus Blome vom SPIEGEL hat es vorgemacht: „Koffer auspacken und Buntstifte spitzen war wichtiger, als den Rechtsextremen an jenem Ort eine Lektion zu erteilen, an dem Demokraten so etwas mit Würde erledigen können: an der Urne. Nur gut 48 Prozent, die zweitschlechteste Beteiligung bei einer deutschen Landtagswahl überhaupt, das ist wirklich ein übler Witz. Dafür sollten sich alle Nichtwähler in Sachsen schämen.“

Starke Worte. Dabei trifft eine geringe Wahlbeteiligung alle Parteien. Politikwissenschaftler meinen zwar, dass große Parteien stärker litten, weil die Anhänger kleiner Parteien im Mittel motivierter seien. Aber es haben am letzten Augustsonntag bestimmt auch NPD-Anhänger Buntstifte gespitzt. Am Ende fehlten der NPD 809 Stimmen, die mit 4,95 % den Wiedereinzug in den Landtag an der Elbe verpasste. Was für eine schöne Pointe.

Wiedersehen nach 15 Jahren

Jeder Doktorand kennt das Gefühl des Überdrusses, das sich bei der Spurensuche in feinsten Verästelungen eines Forschungsgebiets einstellt – und das Gefühl der Befreiung, wenn die Arbeit endlich getan ist. Im Jahr 1998 war ich dermaßen erleichtert (und bedient), dass ich nach Abgabe der Pflichtexemplare nie wieder in der Arbeit geblättert habe. Jetzt aber nehme ich die Doktorarbeit erneut zur Hand. Kann der junge Autor von damals vor seinem Alter Ego von heute bestehen? Eine Reise in vergangene Geisteswelten.

„Virtuelle Erfahrung“ – der Titel kann sich auch heute noch sehen lassen. Im Nachhinein findet der Rezensent von heute es ein wenig erstaunlich, dass der Autor damals mit einem beinahe feuilletonistischen Titel bei den Gutachtern durchgekommen ist. Immerhin zollt ein Untertitel den akademischen Gepflogenheiten in der Philosophischen Fakultät Tribut und umreißt den Forschungsgegenstand: „Eine Untersuchung über den Erkenntniswert von Gedankenexperimenten und Computersimulationen in den Naturwissenschaften“.

Das Inhaltsverzeichnis ist mit fünf Kapiteln und drei Gliederungsebenen angenehm übersichtlich. Die Titel der Unterkapitel sind von unterschiedlicher Güte. Nicht alle erklären sich aus sich heraus. Das würde ich heute anders machen. Auf eine Besonderheit deutet das Abbildungsverzeichnis hin. Die Arbeit enthält gleich zehn davon – in wissenschaftsphilosophischen Arbeiten war und ist das eher ungewöhnlich. Dem kundigen Leser fällt zudem auf, dass das Manuskript mit dem Buchsatzprogramm LaTeX erstellt wurde. Wer sich erinnert, welche Fummeleien der Einbau von Bilddateien nötig machte, wird den Bilderreichtum der Arbeit extra zu würdigen wissen.

„Die rasch fortschreitende Entwicklung der Computertechnologie in den vergangenen fünfzig Jahren hat auch die Naturwissenschaften nachhaltig beeinflusst.“ Wer hätte das gedacht? Ein Knaller ist der erste Satz der Arbeit nicht. Hoffentlich erhebt sich die Arbeit später über den damit angedeuteten Problemhorizont. Gut gefällt mir, dass bald (Seite 2 der Einleitung) die Forschungsfrage klar umrissen wird: „Wenn in Teilbereichen der Naturwissenschaften auf die Naturbeobachtung in Form von Experimenten ganz verzichtet wird und an die Stelle der Experimente Computersimulationen treten, dann stellt sich die wissenschaftsphilosophische Grundfrage nach dem Status der betroffenen Naturwissenschaften als empirischen Wissenschaften. Diese Frage lautet: „Wie ist Naturwissenschaft ohne Naturbeobachtung im Experiment möglich?“ Ihre Beantwortung steht noch aus.“

Es folgen fünf Seiten, die die Belesenheit des Autors und dessen Vertrautheit mit den aktuellen wissenschaftstheoretischen Diskussionen demonstrieren. Dann wird es wieder interessant: „Der Wirklichkeitsbezug von Computersimulationen und ihre mögliche Rolle in den Naturwissenschaften ist wissenschaftsphilosophisch bisher kaum hinterfragt worden. Einen Anknüpfungspunkt für die Diskussion des Erkenntniswertes von Computersimulationen bietet allerdings die philosophische Debatte über Gedankenexperimente. Dort stellt sich die Frage, ob bzw. wie durch Denken allein Aussagen über die sinnlich erfahrbare und empirisch gegebene Wirklichkeit gewonnen werden können. Gedankenexperimente fügen der bestehenden empirischen Datenbasis kein neues Beobachtungsmaterial hinzu. Bereits bezüglich des Gedankenexperimentes muss also gefragt werden, ob der Wirklichkeitsbezug vorausgesetzt werden kann, ob er im Gedankenexperiment mit eigenen Mitteln hergestellt wird oder ob er vielleicht gar nicht besteht und die Aufgabe des Gedankenexperimentes im naturwissenschaftlichen Erkenntnisprozess anders zu begreifen ist. Gleichlautende Fragen lassen sich für Simulationen stellen.“

Die Lektüre der Einleitung hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck. Einerseits wird der Zugang zum Thema erfreulich klar dargelegt. Es gibt wenige philosophische Texte über Computersimulationen, aber es gibt Einiges über Gedankenexperimente. Lasst uns also gucken, was man in der älteren Debatte an möglichen Antworten für die neue Frage finden kann. Damit hat sich der Autor auf ziemlich clevere Weise eine Selbstermächtigung erteilt, die Philosophiegeschichte zu flöhen. Er tut das mit erkennbarer Freude daran, philosophische Klassiker wie Blaise Pascal in einen virtuellen Dialog mit zeitgenössischen Denkern wie Searle, Popper, Kripke zu zwingen. Andererseits irritieren Schwankungen in der Texthöhe. Zurückhaltende Argumente wechseln sich ab mit mutigen Wertungen.

Gerade manche Fußnoten erscheinen mir heute in ihren apodiktischen Urteilen arg präpotent. Dazu passt, dass der Autor im ganzen Text rund 20 mal „ich“ sagt. Ich (sic!) meine mich daran zu erinnern, dass der Autor mit dem Gebrauch des Personalpronomens eine bestimmte philosophische Absicht verfolgte. Wenn Philosophie im Wesentlichen als Austausch von Argumenten begriffen wird, dann gehört es zur intellektuellen Redlichkeit, Thesen und ihre Urheber klar zu benennen. Diese Haltung ist in der angelsächsischen Wissenschaftskultur verbreiteter als in der deutschen. Hierzulande gehört es zum guten Ton, als Wissenschaftler hinter sein Werk zurückzutreten und eine unpersönliche Form der Darstellung zu wählen. Dass sich der junge Doktorand damals bereits diesen Konventionen widersetzt hat, gefällt mir noch heute. Aber er ist ja später auch nicht Philosophieprofessor geworden, sondern Journalist und Wissenschaftsmanager.

Wie jeder typische akademische – also eilige – Leser bin ich inzwischen von der Einleitung zur Zusammenfassung gesprungen. Dazwischen habe ich kurz das Literaturverzeichnis gescannt. 152 zitierte Bücher und Aufsätze deuten auf hinreichenden Fleiß hin. Die kanonischen Werke sind allesamt vertreten. Aufsätze von Doktorvater und Zweitgutachter werden ebenfalls zitiert, auch wenn sie für die Fragestellung allenfalls am Rande wichtig waren. Der Autor weiß offenbar um die Gepflogenheiten der Zunft und um die Eitelkeit der Professoren.

Zurück zur Forschungsfrage: Was kann man durch reines Nachdenken über die empirische Welt lernen? Im Titel wurde (etwas) hochtrabend vom „Erkenntniswert“ gesprochen. Die Antwort lautet: „Ein Experiment mit Gedanken durchzuführen, bedeutet, Vorstellungen einer kontrollierten Variation zu unterwerfen. An Beispielen […] zeigt sich, dass diese Variation in bestimmten Fällen als ein deduktiver Vorgang aufgefasst werden kann, in dem der Inhalt synthetischer, empirisch gehaltvoller Prämissen expliziert wird. Als Prämissen, d. h. als Ausgangsbasis, von der das Experiment mit Gedanken seinen Ausgang nimmt, dienen Naturgesetze, Teile naturwissenschaftlicher Theorien oder andere Erfahrungssätze. Das Ergebnis der im Gedankenexperiment vollzogenen Explikation können Naturgesetze oder Erfahrungssätze sein, die vor der Durchführung des Gedankenexperimentes unbekannt waren. Da sich der empirische Gehalt der Prämissen auf die im Gedankenexperiment gezogene Schlussfolgerung überträgt, muss eine unabhängige empirische Überprüfung der Konklusion nicht erfolgen. In diesem Sinn kommt einem bestimmten Typus von Gedankenexperimenten […] eine eigenständige Leistung im Begründungszusammenhang naturwissenschaftlicher Erkenntnis zu.“ Mit anderen Worten: Man kann durch reines Nachdenken nichts über die Natur lernen. Aber man kann durch Nachdenken über Theorien über die Natur Neues über diese Theorien lernen. Das finde ich eine noch immer ganz hübsche Einsicht.

Wer sich ein eigenes Bild machen möchte, kann die Arbeit hier als PDF herunterladen: Virtuelle Erfahrung.

An den Pranger

Selbstverpflichtungen für gute Wissenschaftskommunikation sind nutzlos. Es bedarf einer öffentlichen Beschwerdestelle.

Am selben Tag, als der Siggener Kreis seine Leitlinien für gute Wissenschaftskommunikation vorstellte, fielen fast alle deutschen Medien auf einen abgefeimten PR-Coup herein. Selbst Leitmedien wie der SPIEGEL oder das Feuilleton der Süddeutschen Zeitung sprangen auf eine zur Sensation aufgeblasene Pressemeldung einer britischen Provinzuniversität an. Erstmals habe ein Supercomputer den Turing-Test bestanden und wurde von Testpersonen in einem freien Frage-und-Antwort-Spiel für einen echten Menschen gehalten. Wenn das stimmte, wäre es fraglos ein Durchbruch in der Entwicklung künstlicher Intelligenz. Es stimmte aber nicht. Der Wissenschaftsjournalismus hat in Deutschland ein Qualitätsproblem.

Aufrufe zu Redlichkeit und Ehrlichkeit auf Seiten der Pressestellen werden das Problem nicht lösen. Eine Selbstverpflichtung bindet immer nur die Bekehrten, nie die Ruchlosen. Dem Journalismus selber fehlt inzwischen die Kraft. Nach den Sparrunden der letzten Jahre mangelt es in den Wissenschaftsredaktionen (und nicht nur dort!) an Zeit und Köpfen, um gegen die Übertreibungen übereifriger Hochschulen anzurecherchieren.

Hilfe könnte von außen kommen. Der Deutsche Presserat prangert journalistisches Versagen an. Er ist seit 1956 ein wichtiges Instrument der freiwilligen Selbstkontrolle, an das sich jeder Zeitungsleser und Mediennutzer wenden kann. Einen Presserat für die Wissenschaft schlagen die Akademien der Wissenschaften einem gestern (!) veröffentlichten Papier zufolge vor (Zur Gestaltung der Kommunikation zwischen Wissenschaft, Öffentlichkeit und Medien, Juni 2014). Initiativen wie der stiftungsfinanzierte Mediendoktor (http://www.medien-doktor.de) machen gute und weniger gute Wissenschaftsberichterstattung sichtbar. Doch die Wirkung ist begrenzt. Beides sind nur punktuelle Eingriffe. Sie greifen erst, wenn das Kind schon im Brunnen liegt. Und sie richten sich gegen die Medien, nicht die Pressestellen. Wirksamer wäre eine Schwarze Liste für PR-Sünder. Ein Pranger? Ja, ein Pranger!

Die Erwartung: Pressestellen von Hochschulen, einzelne Wissenschaftler oder PR-Agenten werden disziplinierter arbeiten und sich vor Übertreibungen hüten, wenn sie für den schnellen publizistischen Erfolg einen dauerhaften Reputationsschaden befürchten müssen. Dazu bedarf es einer Institution, die ähnlich arbeitet wie der Presserat. Jeder Journalist kann sich an sie wenden, wenn er meint, Opfer einer bewussten Falschinformation zu sein. Die Beschwerde wird von einer unabhängigen Kommission geprüft und sanktioniert, bis hin zur öffentlichen Rüge. Noch ist das Zukunftsmusik. Aber es gibt in Deutschland einige Institutionen, die großes Interesse an einem unabhängigen und leistungsstarken Wissenschaftsjournalismus haben und sich dafür seit Jahren einsetzen. Darunter sind große Stiftungen und Dachorganisationen wie der Stifterverband, aber auch die großen Wissenschaftsorganisationen wie Max-Planck-Gesellschaft oder Deutsche Forschungsgemeinschaft. Mit deren Engagement könnte die Finanzierung eines PR-Rates für die Wissenschaft gelingen.

„Gute Wissenschaftskommunikation arbeitet faktentreu. Sie übertreibt nicht in der Darstellung der Forschungserfolge und verharmlost oder verschweigt ihr bekannte Risiken neuer Technologien nicht. Sie macht Grenzen ihrer Aussagen sichtbar. Außerdem sorgt sie für Transparenz der Interessen und finanzieller Abhängigkeiten. Sie benennt Quellen und Ansprechpartner. Sie beantwortet die Frage, welche Bedeutung die Informationen für Wissenschaft und Gesellschaft haben und ordnet sie in den aktuellen Forschungsstand ein. Sie weicht nicht für Zwecke des Institutionenmarketings oder der Imagebildung von Faktentreue und Transparenz ab.“ Diese Selbstverpflichtung aus dem Siggener Appell gewänne sehr an Überzeugungskraft, wenn sie Zähne bekommt.

Ein erster Kandidat für die Schwarze Liste wäre die Universität von Reading. Denn an dem Durchbruch bei der Entwicklung künstlicher Intelligenz, den beispielsweise Spiegel online am 9. Juni vermeldete, war nichts dran („Der unheimlich menschliche Eugene Goostmann“). Der berühmte britische Mathematiker Alan Turing (1912 – 1954) hatte den Test 1951 ursprünglich vorgeschlagen, um das Problem der Definition Künstlicher Intelligenz zu umgehen. Statt sich mit dem Innenleben der Maschinen zu beschäftigen, schaut man sich ihre Interaktion mit Menschen an. Der Test gilt als bestanden, wenn es einem Computerprogramm gelingt, eine Testperson in einem freien Frage- und Antwort-Spiel davon zu überzeugen, ein Mensch zu sein. Aus dieser Idee hat sich ein Wettbewerb für Konversationsprogramme entwickelt, der jährlich in London ausgetragen wird. Dort nun hatte das Programm „Eugene“ recht erfolgreich abgeschnitten, aber keineswegs erfolgreicher als andere Programme in der Vergangenheit und unter Beugung der Regeln. So hielt nur ein Drittel der Testpersonen das Programm wirklich für einen Menschen. Zudem machte es den Testern weis, ein 13-jähriger ukrainischer Junge zu sein, um sprachliche Schwächen und Verständnisprobleme zu erklären. Der Turing-Test bleibt eine Herausforderung für Maschinen, so wie guten Journalismus zu machen eine Herausforderung bleibt – für Journalisten und für PR-Profis.

 

Der Siggener Kreis ist eine Gruppe von Wissenschaftsjournalisten, Kommunikationsverantwortlichen großer Wissenschaftsorganisationen, Unternehmen und Stiftungen. Er traf sich 2013 und 2014 auf Gut Siggen, dem Seminarzentrum der Alfred Toepfer Stiftung in Holstein. Der Autor war nicht dabei. Den Aufruf gibt es hier: http://www.wissenschaft-im-dialog.de/wissenschaftskommunikation/weiterentwicklung/siggener-aufruf.html.

Die ursprüngliche Pressemeldung der Universität Reading zum Turing-Test gibt es hier: http://www.reading.ac.uk/news-and-events/releases/PR583836.aspx.

Zu diesemText: Die erste Fassung stammt bereits vom 12. Juni 2014. Dann schlummerte er sechs Tage in der Mailbox eines ignoranten Redakteurs. Inzwischen hatten sich die Akademien zur Wissenschaftskomunikation zu Wort gemeldet. Und gleich Kritik auf sich gezogen. Da musste es jetzt schnell gehen. Hier eine Linkliste zu einigen Kommentaren:

Alexander Mäder, Stuttgarter Zeitung: Nicht auf diesem Niveau. 17.6.14

Markus Pössel, Scilogs: Akademien geben Empfehlungen für Wissenschaftskommunikation. 17.6.14

Henning Krause, Hemholtz-Gemeinschaft: Live-Blog von der Ergebnispräsentation der Akademienstudie, 17.6.14

Jens Rehländer, Volkswagen-Stiftung: Welche Wissenschaftskommunikation der Siggener Kreis will. 10.6.14

Corporate Publishing tut dem Journalismus gut

Staatliche Museen und Theater geben journalistisch gut gemachte Magazine und Hefte heraus. Sie bezahlen das aus öffentlichen Mitteln. Johann Schloemann kritisiert dieses „neue Staatsfeuilleton im subventionierten deutschen Kulturföderalismus“ (Süddeutsche Zeitung vom 15.5.2014, hier online: „Das neue Staatsfeuilleton“). Eine ähnliche Entwicklung ist schon seit Jahren im Wissenschaftsjournalismus zu beobachten. Darauf weisen @fischblog, @tre_bol und andere auf Twitter hin. Aber ist das ein Problem? Ich meine: nein.

Schloemann beschreibt eine auf den ersten Blick gute Entwicklung. Anspruchsvolle journalistische Darstellungsformen breiten sich aus dem Feuilleton in andere journalistische Themenfelder aus. Autoren und Künstler erhalten gut bezahlte Aufträge im Corporate-Publishing-Sektor. Dem bekannten Münchener Feuilletonredakteur aber behagt das nicht so recht:

„Es ist nicht leicht, das neue Staatsfeuilleton im subventionierten deutschen Kulturföderalismus als Problem zu benennen. Zu leicht gerät man in das Netz von Neid und Betriebsnähe, von dem hier eingangs die Rede war. Viele gute Kollegen, viele geschätzte Autoren beteiligen sich daran. Aber man sollte sich trotzdem fragen, was für eine öffentliche Sonderwelt da herangewachsen ist.

Die staatlichen Organe zahlen auch oft stattliche Honorare, was den schrumpfenden Honorartöpfen vieler Zeitungen ebenso zusetzt wie den kleineren Kulturzeitschriften. Manches am Staatsfeuilleton ist Volksbildung, anderes aber ist eher „Corporate Publishing“, nur dass die Firma hier der Staat ist und der Kunde sein Steuerzahler.“

Die Kritik ist zart formuliert und nur angedeutet. Zugespitzt lesen sich die Argumente etwa so:

1. Eigene Magazine herauszugeben gehört nicht zum Auftrag öffentlicher Kulturinstitutionen. Wenn sie es dennoch tun, vergeuden sie Steuergelder.

2. Die staatlichen Auftraggeber verderben die Preise. „Echter“ Journalismus hat es dadurch schwer.

Im Wissenschaftsjournalismus wird schon seit Jahren eine vergleichbare Qualitätsdebatte geführt. Große Wissenschaftsorganisationen, Wissenschaftsförderorgansationen wie die Deutsche Forschungsgemeinschaft oder der Stifterverband geben viel Geld aus, um Themen aus der Wissenschaft anspruchsvoll journalistisch aufzubereiten. Der Autor dieser Zeilen hat das selber viele Jahre an verantwortlicher Stelle getan. Argument 1 trifft auch Leibniz-Gemeinschaft, Max-Planck-Gesellschaft und andere, bis hin zum Bundesforschungsministerium. In der älteren Debatte taucht häufig ein weiteres Argument auf:

3. Wissenschafts-PR ist interessengeleitet und von daher gar kein Journalismus. Wenn die Herausgeber dennoch so tun, als informierten sie objektiv über Themen aus Forschung und Wissenschaft, so führt das die Leser in die Irre. Das ist eine milde Form von Betrug.

Alle drei Argumente lassen sich leicht entkräften.

1. Werbung für die eigenen Produkte zu machen und die Kundenbindung zu pflegen gehört zur originären Aufgabe von Theatern und Museen. Zur Aufgabe von Wissenschaftsorgansationen gehört, die Öffentlichkeit über die eigene Arbeit zu informieren. Eine weitere wichtige Aufgabe ist es, die eigenen Interessen so zu vertreten, dass die Arbeitsfähigkeit gesichert bleibt. PR ist legitim, ein Magazin kann im Kommunikationsmix ein wichtiges Element sein.

2. Aus den Geschäftsführungsetagen des Journalismus gibt es immer wieder den Ruf nach direkten staatlichen Subventionen, um die Rolle der „vierten Gewalt“ für Rechtsstaat und Demokratie zu stärken. Vor diesem Hintergrund fände ich eine gewisse Entspanntheit gegenüber indirekten Subventionen ganz angebracht. Denn um nichts anderes als eine indirekte Subvention handelt es sich, wenn Autoren und Journalisten für PR-Aufträge angemessene Honorare erhalten. Diese Honorare ermöglichen es vielen meist freien Journalisten überhaupt erst, originär journalistische, aber schlecht bezahlte Aufträge anzunehmen.

3. Die Leser sind nicht dumm. Sie würden es merken, wenn ihnen tendenziöse Sichtweisen untergejubelt werden sollen. Und wo nicht, gibt es fähige Journalisten, die den Beeinflussungsversuch aufdeckten. Der Schaden an der Reputation wäre riesig und stünde in keinem Verhältnis zum schnellen Nutzen. Weil das so ist und die meisten Wissenschaftsorganisationen professionell arbeiten, passiert das nicht.

Ok. Vielleicht passiert es doch. Aber selten. Und die Frage, wie weit es mit der Objektivität und Unabhängigkeit des Journalismus überhaupt her ist – die steht auf einem anderen Blatt.