Was bedeutet Studieren neben dem Beruf?

Studium plus Arbeit ist schwierig, aber nicht unmöglich. Oft zahlt sich die Anstrengung aus.

Berufsbegleitend zu studieren bedeutet, zwei zeitraubende Tätigkeiten miteinander zu kombinieren. Österreichische Fachhochschulabsolventen gaben in einer Studie aus dem Jahr 2012 an, 60 Stunden pro Woche für Arbeit und Studium aufzuwenden. Ein Fünftel schuftete sogar 70 Stunden und mehr. Die Zahlen passen gut zu den Erhebungen über den Zeitbedarf eines Vollzeitstudiums. Nach einer Umfrage der Uni Konstanz widmet sich der deutsche Durchschnittsstudent an 32 Stunden in der Woche seinem Studium (Studierendensurvey 2014). Das bedeutet: Ein Studium neben dem Beruf stellt hohe Anforderungen an Motivation, Disziplin, Organisationstalent, Fleiß und Willen. Verlässliche Statistiken sind rar. Nach Angaben des Onlineportals studieren-berufsbegleitend.de stellten sich Jahr 2012 immerhin 133.000 Frauen und Männer der Herausforderung, eine Vollzeittätigkeit und ein Studium unter einen Hut zu bringen. Zwar ist es sehr anstrengend, berufsbegleitend zu studieren. Das Modell hat aber auch einige Vorteile.

Pluspunkte Zähigkeit, Willen und Organisationstalent

Absolventen punkten mit ihrem berufsbegleitend erworbenen Abschluss in Bewerbungen. Arbeitgeber sind davon sehr angetan. Denn der Kandidat oder die Kandidatin dokumentiert Zähigkeit, Entschlossenheit, Organisationstalent und viele weitere Kompetenzen, die Arbeitgeber schätzen. Zahlreiche Umfragen stützen diesen Punkt.

Meist wird das gewählte Fach einen Bezug zur aktuellen Berufstätigkeit aufweisen. Studierende können dann Studieninhalte direkt in der Praxis erproben und Anliegen und Herausforderungen aus dem Beruf ins Studium einbringen. Gerade an der SRH Hochschule Heidelberg eröffnet die moderne Didaktik nach dem CORE-Modell dafür viele Möglichkeiten. Mit anderen Worten: Berufstätige holen aus ihrem Studium das Maximum an Kompetenzerwerb heraus.

Maximaler Gewinn

Hochschulen wie die SRH Hochschule Heidelberg haben Studiengänge inzwischen so flexibel organisiert, Präsenzveranstaltungen auf den Abend und die Wochenenden gelegt, die Anerkennung berufspraktischer Kompetenzen großzügig geregelt und hochwertige Studiendokumente für Selbst- und E-Learning-Phasen geschaffen, dass das berufsbegleitende Studium nicht länger dauern muss als ein Vollzeitstudium. Das ist ein wichtiges Qualitätsmerkmal. Denn die Abbruchquoten in Fernstudiengängen sind u.a. auch deshalb hoch, je nach Anbieter zwischen 30 und 70 Prozent, weil die Motivation über die lange Strecke von fünf bis sechs Jahren häufig leidet.

Dennoch gilt es Durststrecken zu durchstehen. Unterstützung ist wichtig. Wenn Familie, Freunde und vielleicht sogar der aktuelle Arbeitgeber die Studienwahl unterstützen, dann lassen sich Schwierigkeiten leichter überwinden. Einzelkämpfer dagegen habe es schwer.

Ein wenig Erleichterung schaffen die Bildungsurlaubs- und Bildungszeitgesetze. Immerhin 13 von 16 Bundesländern haben inzwischen (2015) für Arbeitnehmer die Möglichkeit geschaffen, fünf Tage Extra-Urlaub zu nehmen, wenn er für Weiterbildungen eingesetzt wird. Studierende an der SRH Hochschule Heidelberg profitieren davon. Kleines Bonbon: Das Finanzamt akzeptiert die Weiterbildungskosten in vollem Umfang als steuermindernd. Bei Gutverdienern kann das die Hälfte der Studiengebühren ausmachen.

Bahngeschichte XI: Die Begleitperson

Schwerbehinderte dürfen in öffentlichen Verkehrsmitteln eine Begleitperson kostenlos mitnehmen. Der Anspruch folgt aus elementaren Grundrechten. Er darf aber nicht missbraucht werden. Zwei ärgerliche Beispiele.

Der bekannte Autor und Behindertenaktivist Raul Krauthausen hat heute einer Schwarzfahrerin geholfen. Sein Tweet darüber erhielt binnen weniger Stunden rund 20 beifällige Kommentare, wurde hundertfach geteilt und besternt (hier geht’s zum Tweet und den Interaktionen).

S-Bahn: „Fahrausweise bitte!“
Ich roll durch die Reihen & frage wer ein Ticket braucht. Ältere Dame meldet sich und wird meine Begleitperson

Was auf den ersten Blick wie ein spontaner freundlicher Akt aussieht, wirft eine interessante ethische Frage auf und entpuppt sich – um das Ergebnis vorwegzunehmen – als Missbrauch eines Privilegs.

Schwerbehinderte dürfen in öffentlichen Verkehrsmitteln eine Begleitperson kostenlos mitnehmen. Menschen, die eine Laune der Natur in den Rollstuhl zwingt oder in anderer Weise hilfsbedürftig macht, sollen so mobil sein könnnen wie alle anderen Leute auch. Was aussieht wie ein Privileg, ermöglicht Menschen mit Behinderung also erst die gleichberechtigte Teilhabe und Teilnahme am öffentlichen Leben. Begleitpersonen in der Bahn mitzunehmen ist also gar keine Bevorzugung, sondern nur der Ausgleich eines Nachteils. Der Anspruch darauf folgt aus den Grundrechten. Der öffentliche Raum soll allen Menschen in gleicher Weise zugänglich sein. Das wird allgemein akzeptiert, auch wenn es Geld kostet.

Was aber, wenn ein Rollstuhlfahrer spontan eine Schwarzfahrerin als Begleitperson ausgibt und diese so davor schützt, erwischt zu werden? Dann verwandelt sich der selbstverständliche Anspruch in ein Privileg, genauer: in dessen Missbrauch. Schwarzfahren gilt vielen Menschen zwar als Kavaliersdelikt. Die Berliner Verkehrsbetriebe sind eine unpersönliche Institution, da fällt der Diebstahl leicht. Diebstahl? Klar! Die Gesamtheit der Schwarzfahrer beklaut die Gesamtheit der ehrlichen Fahrgäste um diejenige Summe, die die Tickets preiswerter sein könnnten, wenn alle für die Beförderung bezahlten. Das sind zwar in jedem einzelnen Fall nur Bruchteile eines Cents. Ein Diebstahl bleibt es gleichwohl. Indem Krauthausen ihn unterstützt, macht er sich zum Komplizen. Es erzeugt bei mir einen zusätzlichen schalen Beigeschmack, dass sich der Behindertenrechtsaktivist damit öffentlich schmückt.

Wie schmal der Grat zwischen ethisch gut begründetem Anspruch und Missbrauch eines Privilegs sein kann, verdeutlicht die folgende Geschichte. Vor einigen Jahren sprach mich im Kölner Hauptbahnhof ein sehbehinderter Mann an. Wohin ich denn wolle? Ich könne als seine Begleitperson doch kostenlos mitfahren. Nach einigem Herumgedruckse stellte sich raus, dass der Herr gar kein bestimmtes Ziel hatte, mich aber für drei Viertel des regulären Fahrpreises nach Mannheim begleitet hätte. Ich habe das Angebot dankend abgelehnt. Ein paar Wochen später sah ich den Herrn im ICE nach Berlin wieder, da hatte er einen Anzugträger im Schlepptau, der anscheinend weniger Skrupel hatte.

Der Mann hatte seine Einschränkung offenbar recht erfolgreich zum Beruf gemacht. Er verdiente Geld damit, sich Reisenden als Begleitperson anzudienen. Den Schaden hat aber nicht die Deutsche Bahn. Am Ende sind es erneut die ehrlichen Fahrgäste, die diese Trickserei durch erhöhte Ticketpreise bezahlen. Ich kann daran nichts Ehrenhaftes finden. Rein gar nichts.

 

 

Bahngeschichte X: Laternenparker bei der Bahn

An manchen Bahnhöfen sieht man sie noch: Ringlokschuppen mit Drehscheibe. Dort rostet die Weiche vor sich hin, sie wird sich nicht mehr drehen. Fenster sind eingeworfen, das Dach ist eingesunken. Nur wenige Schuppen haben ein neues Leben als Konzertsaal gefunden.

In den fächerförmig um eine Drehscheibe angeordneten Gebäuden wurden Dampflokomotiven gewartet. Deren Antrieb bedurfte viel mehr Pflege als die Elektromotoren von heute. Das Bild zeigt den Ringlokschuppen im Bahnbetriebswerk Frankfurt-Nied im Jahr 1939 – für den Lokschuppen war das eine bessere Zeit als heute, für alle anderen nicht. Aber das ist eine andere Geschichte. Heute stehen die Züge auf einfachen Abstellgleisen herum, wenn sie nicht im Einsatz sind. Die mühsame Arbeit des An- und Abkoppelns von Waggons und Lokomotiven gibt es im Personenverkehr der Deutschen Bahn praktisch nicht mehr.

Autofahrer und Gelegenheitsbahnfahrer schimpfen ja gern auf die Bahn. Sie sei zu teuer, zu unzuverlässig und zu unbequem. Dabei sind sich PKW und Zug zumindest im Parken gleich geworden. Die meisten Autos stehen wie die Züge unter freiem Himmel. Unter Mobilitätsexperten spricht man von „Laternenparkern“. Das sind Autofahrer, die ihren Wagen nicht in der eigenen Garage oder im Parkhaus abstellen, sondern am Straßenrand – eben unter der Laterne. In Großstädten ist das die Mehrzahl der Leute. Und die Deutsche Bahn gehört mit ihren Zügen dazu. Was die Parallele zu bedeuten hat, fragen Sie. Ich habe keine Ahnung. Aber in den Lokschuppen gehe ich für ein Konzert gerne.

Das Ende der Kontrolle

Der Journalismus hat seine Torwächterfunktion verloren. Jeder ist ein Autor. PR-Manager sollten sich damit abfinden, das Bild der eigenen Firma in der Öffentlichkeit nicht länger steuern zu können. Um so wichtiger wird es, durch redliche Geschäftstätigkeit und eine auf Wahrhaftigkeit und Nachhaltigkeit ausgerichtete Kommunikationskultur jeder Art von skandalisierender Berichterstattung vorzubeugen.

Es gibt sie noch: Kommunikationsmanager der alten Schule. Sie versuchen mit aller Macht, das Bild der eigenen Institution in der Öffentlichkeit zu kontrollieren. Diese PR-Verantwortlichen erkennt man daran, dass sie missliebige Journalisten vom Presseverteiler streichen. Daran, dass sie Agenturen beauftragen, die den Kunden versprechen, Beiträge in den Medien zu „platzieren“. Daran, dass sie das von handzahmen Redakteuren zur Autorisierung vorgelegte Interview mit dem Vorstandsvorsitzenden auch mal komplett umschreiben. Doch alle diese Versuche sind vergeblich. Das Internet hat uns alle zu Autoren gemacht. Die Journalisten haben ihre Türhüterfunktion über die veröffentlichte Meinung verloren. In dieser Situation gibt jeder Kommunikationsmanager, der die Kontrolle zu behalten versucht, ein peinliches Bild ab. Diese Kollegen ähneln einem Rothirsch in der Brunft. Dessen Job ist unglaublich anstrengend, das Verhalten sieht seltsam aus, und der Erfolg ist höchst ungewiss. So lautete meine These in einem Vortrag an der SRH Hochschule für Wirtschaft und Medien in Calw am 1. April 2015. Die Charts habe ich am Ende des Beitrags dokumentiert.

Der ADAC-Skandal des Jahres 2014 lieferte ein Lehrbeispiel für die Kardinalfehler der Public Relations. Zwei Tage vor der Verleihung des „Gelben Engels“ berichtete die Süddeutsche Zeitung über Manipulationen bei der Wahl des „Lieblingsautos der Deutschen“ (Beitrag im SZ-Archiv). Die Führungsetage des Clubs wies die Vorwürfe zunächst empört zurück. Bald stellten sich die Enthüllungen aber als wahr heraus. Viele Publikumsmedien stürzten sich mit Lust in die Recherche. Es folgte Bericht um Bericht über selbstherrliche Funktionäre und unsaubere Geschäfte. Am Ende lag die Reputation des Automobilclubs in Trümmern.

Selbst die geschickteste Krisenkommunikation hätte den Skandal nicht verhindert. Schließlich waren die Vorwürfe wahr. Es wäre aber möglicherweise gelungen – und der Autor ist sich des Problems kontrafaktischer Spekulationen bewusst -, dem Skandal die Spitze zu nehmen. Ein Rücktritt der Vereinsführung, externe Aufklärer, Demut und der ernsthafte Wille zur Umkehr hätten die völlige Zertrümmerung des öffentlichen Ansehens womöglich verhindern können. Doch dafür war es schon zu spät, als ADAC-Geschäftsführer Karl Obermair sich zwei Tage nach dem Bekanntwerden der ersten Vorwürfe zur Attacke entschloss. Denn dadurch kam zu den Verfehlungen noch eine Lüge hinzu. Eine Chronologie der Ereignisse findet sich hier: ADAC-Skandal2014-Handout (das Arbeitsblatt hat der Autor in Calw eingesetzt).

Eine alte Regel der PR hatte sich wieder einmal bestätigt: Die schlimmsten Fehler werden immer am Anfang gemacht. Die Zuhörer in Calw meinten denn auch, dass der ADAC durch das aggressive Leugnen das Feuer des Skandals erst richtig angefacht hatte. Das stimmt. Es gilt dennoch zu bedenken, wie leicht es ist, diese Fehler zu machen. Zu Beginn vermag sich noch keiner der Akteure so recht vorzustellen, welche gigantischen Ausmaße der Skandal annehmen könnte. Es gehört nur wenig Phantasie dazu, sich die Wut der Clubführung vorzustellen: Da kommen ein paar dahergelaufene Redakteure einer Tageszeitung daher, machen eine schöne Feier kaputt und versuchen, einem der mächtigsten Verbände des Landes ans Bein zu pinkeln. Doch gerade dann, wenn eine Institution über Jahrzehnte unangefochten war, käme es darauf an, diese ersten Impulse zu unterdrücken. Noch besser wäre es allerdings gewesen, wenn der Club durch ein sauberes Geschäftsgebaren gar nicht erst das Material des Skandals geliefert hätte. Vielleicht ist das die wichtigste Regel für zeitgemäße PR überhaupt in einer Zeit der Vielstimmigkeit: Nachhaltige Kommunikation bedeutet zuallererst Redlichkeit im Business.

Hier die Charts: Praesentation-Calw1.4.15

Bahngeschichten IX: Die gestohlene Zeitung

Eine Bahnreise ohne Tageszeitung ist möglich, aber sinnlos. Doch was tun, wenn der Bahnhofskiosk am frühen Morgen noch geschlossen ist?

Regelmäßige Leser meiner Bahngeschichten (und erfahrene Reisende sowieso) wissen, dass der schönste Ort im ICE der Speisewagen ist. Er ist zudem ein ganz egalitärer Ort. Egal ob Fahrschein erster oder zweiter Klasse, der Kellner serviert Kaffee und Frühstück ohne Ansehens der Person gleichermaßen freundlich. Da liegt es nahe, zweiter Klasse im Speisewagen zu reisen und das gesparte Geld in kulinarische Annehmlichkeiten zu investieren. Nur vom kostenlosen Zeitungsangebot für die Gäste der ersten Klasse sollte man die Finger lassen. Sonst gibt’s Ärger mit dem Schaffner.

Morgens um 4:28 Uhr geht der erste ICE von Heidelberg Richtung Norden. Der preisbewusste Freiberufler reist zu seinem Geschäftstermin in Bremen natürlich nicht am Vortag an und hat das Onlineticket zweiter Klasse mit Bahncard und 50 Prozent Rabatt gekauft, obwohl der Auftraggeber am Ende alles zahlt. So kostet die Fahrt in die Hansestadt im Norden und zurück nur 114 Euro statt der stattlichen 380 Euro, die ein Reisender ohne Ermäßigung in der ersten Klasse zahlt. Der Ledersitz, die kostenlose Tageszeitung und die Geschäftstelefonate der Mitreisenden wiegen diese Differenz bei Weitem nicht auf.

Der Haken: So früh am Morgen kommt man in Heidelberg an keine Tageszeitung ran. Das ist aber eigentlich kein Problem. Denn 30 Minuten Umsteigezeit in Frankfurt am Main ließen genug Zeit, die Süddeutsche dort zu erwerben. Ein Selbstmörder durchkreuzt den Plan. Dreißig Minuten Verspätung sind schnell beisammen. Die Gleissperrung wird gerade noch rechtzeitig aufgehoben, um den Anschlusszug nach Hannover zu erreichen. Ohne Zeitung. In dieser Lage fühlt sich unsere Bahngeschichtenerzähler moralisch berechtigt, sich am Zeitungsangebot der ersten Klasse zu bedienen. Dummerweise wird ein Schaffner Zeuge, der kurz darauf die Fahrscheine im Speisewagen kontrolliert. Nach dem üblichen Procedere mit Einscannen des Codes und Vorzeigen der Bahncard entspinnt sich ein Dialog.

Zugbegleiter: „Darf ich jetzt bitte noch Ihren Fahrschein erster Klasse sehen?“

Bahngeschichtenerzähler (B) stellt sich doof: „Wieso?“

Zugbegleiter: „Das Zeitungsangebot ist ein Exklusivangebot für Reisende der ersten Klasse und Sie haben sich doch gerade eine genommen.“

Na gut, denke ich. Er hat mich ertappt. Aber so blöd muss er mir doch nicht kommen.

B: „Das weiß ich. Aber durch unsere Verspätung konnte ich keine Zeitung am Bahnhof kaufen, so wie ich es vorhatte.“

Diese Story glaubt er mir nicht. Ich solle die Zeitung zurückbringen. Da ich mich dank der plumpen Gesprächseröffnung nun aber endgültig moralisch überlegen fühle, kommt das nicht infrage. Ich lege die Zeitung zusammen und schiebe sie ihm hin.

Z (erbost): „Soll ich die etwa zurückbringen?“.

B: „Genau.“

Der Zugbegleiter geht kopfschüttelnd ab. Er kommt noch ein paar mal vorbei. Wir würdigen uns keines Blickes. Die gefaltete Zeitung bleibt bis Hannover unberührt liegen.

Das Gift der Symbolik

Islamisten und Islamkritiker sind sich ähnlich. Beide bedienen sich im Werkzeugkasten der Symbole, um sich ihre je eigene Welt zu erschaffen. Der Philosoph Ernst Cassirer hat die Mechanismen in seinem Werk beschrieben.

Der Mensch ist ein symbolisches Tier. Wir können uns Dinge vorstellen, die es gar nicht gibt. Durch den gemeinschaftlichen Glauben werden sie dennoch wirklich. Weil wir alle fest an den Wert von bunt bedrucktem Papier glauben, können wir damit Häuser, Autos oder Arbeitskraft kaufen. Geld, Menschenrechte, Religion existieren erst durch unsere Vorstellungskraft. Wir konstruieren und strukturieren unsere Welt durch Ausgedachtes.

Die islamistischen Mörder von Paris, die Terroristen des Islamischen Staats in Syrien und im Irak und die Dresdner Montagsdemonstranten von der Pegida sind sich darin ganz nah. Alle haben sich ein Zerrbild des Islam geschaffen, aus dem sie ihre Selbstermächtigung schöpfen. Die Überzeugung von der Berechtigung des eigenen Tuns ist so stark, dass sie ausreicht, um ein Dutzend Menschen dafür zu ermorden, dass sie sich über einen Religionsstifter lustig machen. Sie ist so stark, unter der Flagge des Glaubens tausende Frauen zu versklaven und zu vergewaltigen. Sie ist stark genug, gegen die angebliche „Islamisierung des Abendlandes“ auf die Straße zu gehen und ein allgemeines Unbehagen am Zustand der deutschen Gesellschaft zu artikulieren, das mit Fakten wenig zu tun hat. Alle haben sich einen Popanz gebaut. Die Psychologie hat längst erkannt, dass es mit der menschlichen Vernunft nicht so weit her ist, wie wir gerne meinen. Wir halten selbst dann an unseren Überzeugungen fest, wenn sie durch Fakten widerlegt wurden. Deswegen sind die Versuche der Medien und der etablierten politischen Parteien rührend, aber ganz vergeblich, Pegida-Anhänger mit Tatsachen zu begegnen. Ob in Deutschland fünf Prozent oder irgendwann sieben Prozent der Bewohner Muslime sind und es in Dresden kaum Ausländer gibt, ist für die Demonstranten und ihre Furcht vor einer „Islamisierung“ der Bundesrepublik offenkundig ohne Belang.

Stattdessen könnte es sich lohnen, Cassirer zu lesen. Der deutsch-jüdische Philosoph Ernst Cassirer (1874 bis 1945) hat sich damit beschäftigt, wie Menschen in gesellschaftlichen Krisen reagieren. Im Jahr 1933 konnte Cassirer aus Deutschland entkommen. Aus dem britischen und später US-amerikanischen Exil beobachtete er Aufstieg und Fall des Nationalsozialismus. Was er sah, hat er in seinem letzten Werk „Vom Mythus des Staates“ festgehalten. Demnach komme es in gesellschaftlichen Krisen zu einer Verunsicherung der Vernunft. Die Menschen bedienen sich dann im Werkzeugkasten von Religion, Mythos und Stereotypen, um sich ein neues Weltbild zu bauen. „In verzweifelten Lagen will der Mensch immer Zuflucht zu verzweifelten Mitteln nehmen – und die politischen Mythen unserer Tage [= der Weimarer Republik, F.S.] sind solche verzweifelte Mittel gewesen“, schreibt Cassirer.

Namentlich die Dolchstoßlegende von der vermeidbaren Niederlage Deutschlands im Ersten Weltkrieg und die angebliche jüdische Weltverschwörung gehören zu diesen Mythen. „In der Politik leben wir immer auf vulkanischem Boden. Wir müssen auf abrupte Konvulsionen und Ausbrüche vorbereitet sein. In allen kritischen Augenblicken des sozialen Lebens des Menschen sind die rationalen Kräfte, die dem Wiedererwachen der alten mythischen Vorstellungen Widerstand leisten, ihrer selbst nicht mehr sicher.“ Politische Mythen bilden sich aber nicht einfach so. Sie sind Cassirer zufolge „künstliche Dinge, von sehr geschickten und schlauen Handwerkern erzeugt.“

Es bedurfte einiger Jahre und einer Menge an propagandistischem Geschick, die Juden zu Sündenböcken zu machen, aus der Gesellschaft auszustoßen und ihre millionenfache Ermordung vorzubereiten. Das Ergebnis ist bekannt. Dabei setzte der Nationalsozialismus nicht nur „eine Umwertung aller unserer ethischen Werte, sondern auch eine Umformung der menschlichen Sprache“ ins Werk, sagt Cassirer. Ganz unwillkürlich denkt man an die Pegida-Demonstranten und ihren Ruf von der „Lügenpresse“. Hier haben sich Menschen ein Feindbild gebaut, das ihr Weltbild stabilisiert. Was den Nazis die Juden waren, sind den Pegida-Demonstranten die Muslime. Und gegen die bürgerliche Presse polemisieren beide.

Cassirers Fazit fällt 1945 pessimistisch aus: „In der Politik haben wir noch keinen festen und zuverlässigen Boden gefunden. [..] Wir sind immer vom plötzlichen Rückfall in das alte Chaos bedroht. Wir bauen hohe und stolze Gebäude; aber wir vergessen, ihre Fundamente sicher zu machen.“ Die Antwort der US-amerikanischen Regierung auf den Anschlag des 11. September 2001 bestätigt die pessimistische Diagnose Cassirers. Die erfolgreiche Attacke auf New Yorks strahlende Zwillingstürme war nicht nur eine Tat von abscheulicher Brutalität und Grausamkeit. Sie strahlte auch eine ungeheure symbolische Gewalt aus. Die Regierung unter George W. Bush ließ sich zu einer ebenso starken symbolischen Antwort hinreißen. In der Folge des „Kriegs gegen den Terror“ entstanden geheime Foltergefängnisse. Terrorverdächtige wurde ohne Aussicht auf einen rechtsstaatlichen Prozess verschleppt und sitzen teilweise bis heute fest. Unbeteiligte und Unschuldige starben und sterben durch amerikanische Drohnen.

Die USA warfen konstituierende Werte eines jeden demokratischen Rechtsstaates über Bord. Darin mag der wahre Triumph der Terroristen liegen: Wir wurden wie sie. Wir teilten die Welt in Schwarz und Weiß, in uns und die. Pegida tut es. Die Islamisten tun es. Die Leute, die ihre Art der Vergeltung für die Morde in Paris üben und Moscheen beschmieren und Musliminnen bespucken, tun es. Wir anderen aber – wir sollten es nicht tun. Wie schwer das angesichts der Gewalt der Bilder sein kann, davon weiß Ernst Cassirer zu berichten.

Warum essen Kinder so gerne Pommes mit Ketchup?

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Harald Wanetschka, pixelio.de

Das hat die Evolution so eingerichtet. Wer sich für gesundes Essen in Schulkantinen einsetzt, nimmt es mit einem mächtigen Gegner auf: der Natur. Eine aktuelle Studie des Bundesernährungsministeriums bemängelt, es stünde zuviel Fleisch auf dem Speiseplan. Die Kinder sind, wenig überraschend, damit überwiegend zufrieden. Ernährungswissenschaftler haben ein paar Ideen, wie sich Kinder für Gemüse begeistern lassen.

Das Klischee stimmt. Kinder lieben Pommes und mögen keinen Brokkoli. Die knusprigen und fettigen Kartoffelstäbchen mit ihrer süßen Soße schmecken den Kleinen einfach gut. Erst recht, wenn sie mit den Fingern gegessen werden dürfen. Fast Food steht bei Kindern weltweit hoch im Kurs. Die Vorliebe für Süßes und Fettiges teilen Kinder in allen Kulturen. Diese Geschmacksvorlieben stammen aus einer Zeit, als unsere Vorfahren ihr Mittagessen noch mühsam jagen oder sammeln mussten. Fett war mit seinem hohen Kaloriengehalt ein wertvolles Nahrungsmittel. Die natürliche Vorliebe für Süßes ist für Kinder zudem ein natürlicher Selbstschutz. Süße Beeren sind selten giftig. Dass bittere Zutaten schmackhaft sein können, müssen Kinder erst lernen. Geschmack kann aber geschult werden. Hier setzen Ernährungsforscherinnen wie Mathilde Kersting an. Die Professorin am Dortmunder Forschungsinstitut für Kinderernährung hat beobachtet, dass klassische Aufklärungskampagnen wirkungslos bleiben. Statt vor den Gesundheitsgefahren von Fast Food zu warnen, will sie die Abenteuerlust und Phantasie der Kinder anregen. Restaurants und Kantinen könnten anstelle des traditionellen Kindertellers mit Fischstäbchen, Pommes oder Currywurst auch einmal Piratenschiffe mit einem Rumpf aus Gurke und Segeln aus Fisch servieren. Die Geschmackserziehung einer ganzen Gesellschaft funktioniert allerdings nur in kleinen Schritten. Hoffnung macht den Ernährungswissenschaftlern immerhin, dass der Fettverzehr bei Kindern in Deutschland in den letzten Jahren gesunken ist.

Die Nüchternheit im Angesicht des Todes

Sie fehlt. Die Debatte um Sterbehilfe krankt an einem Übermaß an Emotionalität. Die Bundestagsdebatte am 13. November 2014 zeigt das klar. Der Sache tut das nicht gut. Sterbehilfevereine sind ein Preis der Freiheit. Ein Kommentar.

„Sternstunde des Parlaments“, „große Ernsthaftigkeit“ – die Berichterstattung ist nicht frei von Pathos. Die Bundestagsabgeordneten diskutieren in einer so genannten Orientierungsdebatte ohne Fraktionszwang. Sie wollen bis zum Frühjahr 2015 ein Gesetz zur Sterbehilfe vorbereiten.

Eine stabile Dreiviertelmehrheit der Deutschen wünscht sich, im Fall von Krankheit und Leid im Alter selbst über den eigenen Tod zu bestimmen. Wer noch die Kraft hat und sich selbst das Leben nimmt, der macht von seiner Freiheit Gebrauch. Er ist zwar in den Augen der Kirchen ein Sünder, aber kein Fall für das Strafgesetz. Wie auch. Er (die übergroße Mehrheit der Selbstmörder sind Männer) ist ja tot. Was aber ist zu tun, wenn ein Mensch auf Hilfe angewiesen wäre, sich das Leben zu nehmen? Darf er auf Hilfe hoffen? Die Debatte angesichts der letzten Fragen ist mit Gefühl aufgeladen. Gut tut ihr das nicht.

Kaum ein Abgeordneter ließ es an persönlicher Betroffenheit fehlen. Mit großer Eindringlichkeit schilderten Peter Hintze (CDU) und andere, wie sie Zeugen von Leid und Sterben im eigenen Familienkreis wurden. Alle argumentieren dabei mit der Menschenwürde, die zu schützen das höchste Gut sei, kommen aber zu völlig gegensätzlichen Positionen. Das ist auch kein Wunder.

Wer einen Grundkurs Philosophie besucht hat, der weiß, dass Verallgemeinerungen von Einzelfällen ihre logischen Tücken haben. Aus der Betrachtung des Einzelfalls lässt sich niemals eine allgemeine Regel begründen. Besser wäre es, ohne Bekundungen persönlicher Betroffenheit auszukommen und stattdessen einen Blick auf die Grundprinzipien zu werfen, mit denen wir unser Gemeinwesen organisieren.

Hier kommt die Menschenwürde ins Spiel. Alle berufen sich auf sie. Das Grundgesetz formuliert ihren Schutz als erste und wichtigste Aufgabe aller staatlichen Gewalt. „Würde“ ist aber ein deutungsbedürftiger Begriff. Sonst könnte ihre Anrufung nicht zu einander ausschließenden Positionen führen. Ich erlaube mir die bescheidene Meinung, dass die Autoren des Grundgesetzes den Artikel Eins unglücklich formuliert haben, indem sie einen abstrakten Begriff wählten. Er erlaubt es, Menschenwürde losgelöst von den einzelnen Menschen zu betrachten. Besser macht es die US-amerikanische Unabhängigkeitserklärung: „Wir halten diese Wahrheiten für ausgemacht, dass alle Menschen gleich erschaffen worden, dass sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten begabt worden, worunter sind Leben, Freiheit und das Streben nach Glück.“ Hier knüpft die Verfassung die Grundrechte direkt und explizit an den Einzelnen.

Freiheit ist das Grundprinzip jeder freiheitlichen Ordnung. Sonst wäre sie ja nicht freiheitlich. Jeder erwachsene Bürger kann tun, was er mag. Grenzen seiner Freiheit setzt erst die Freiheit der anderen Bürger. Die Gesetze, staatlichen Institutionen, die Sozialversicherung, sie sind alle dazu da, diese Freiheit zu ermöglichen. Und da jeder, der seinem Leben ein Ende setzt, von seiner Freiheit Gebrauch macht, lässt sich ein Verbot der Sterbehilfe keinesfalls rechtfertigen. Das gilt, davon bin ich überzeugt, sowohl für passive wie aktive Sterbehilfe.

Paradoxerweise ist aktive Sterbehilfe in Deutschland verboten. Kein Arzt darf einen Schwerkranken mit einer Giftspritze töten, selbst wenn dieser das unbedingt möchte. Einen Giftcocktail neben das Krankenbett zu stellen, das ist dagegen erlaubt. Mir erscheint die scharfe gesetzliche Trennung beider Situationen zutiefst willkürlich. Denn in beiden Fällen verwirklicht der kranke Mensch seine Freiheit.

Manche Menschen bedienen sich der Hilfe von Sterbehilfevereinen. In der Bundestagsdebatte zeichnete sich ein breiter Konsens ab, die gewerbliche Sterbehilfe zu verbieten. Dabei spielt sicher eine Rolle, dass manche selbsternannten Sterbehelfer wie der ehemalige Hamburger Senator Roger Kusch eine unangenehme Figur abgeben. „Niemand soll am Sterben anderer Geld verdienen.“ Dieser Impuls liegt nahe, er ist psychologisch verständlich. Dumm ist er dennoch. Denn was wären die Alternativen? Soll die Verantwortung bei den Ärzten liegen, Sterbehilfe gewissermaßen zur Kassenleistung werden?

Hierzu ein kleines Gedankenexperiment: Man stelle sich vor, ein Todkranker verlangt von seinem Hausarzt Hilfe beim Freitod. Der Arzt ist Katholik, der Wunsch bringt ihn in ein ethisches Dilemma. Sein Glaube verbietet den Selbstmord. Da die Sterbehilfe inzwischen aber von Staats wegen institutionalisiert ist, verpflichtet ihn das ärztliche Ethos (und ein Vertrag mit den Krankenkassen) darauf, seinen Patienten nicht abzuweisen. Wer einen Arzt nicht in diese oder eine ähnliche Zwangslage bringen möchte, der darf Sterbehilfe nicht entprivatisieren. Wir müssen es den Freiwilligen überlassen. Mit anderen Worten: Sterbehilfevereine sind ein notwendiges Übel. Sie sind der Preis der Freiheit. Wir sollten ihn zahlen.

Das Heidelberger Social-Media-Experiment

Bei der Heidelberger Oberbürgermeisterwahl 2014 wird sich Amtsinhaber Eckart Würzner durchsetzen. Mangels aussichtsreicher Gegenkandidaten ist die Wahl eine Formsache. Das macht ein kleines Twitterexperiment möglich. Gebt eure Stimme einem Kandidaten, der nicht auf dem Wahlzettel steht. Demonstriert damit die Reichweite sozialer Medien. Wählt mich.

Aktualisierung vom 27.10.2014. Eckart Würzner ist längst gewählt. Weil aber 1211 Stimmen auf freie Kandidaten entfielen, gab es das amtliche Endergebnis erst heute. Eine ganze Reihe von bekannten und weniger bekannten Personen erhielten sechs Stimmen oder mehr. Der sympathische Ex-Gemeinderat Derek Cofie-Nunoo bekam mit 69 Stimmen die meisten ab. Die beiden Twitterexperimentatoren Lars Fischer (@fischblog) und ich tauchen nicht in der Liste auf. Damit darf das Social-Media-Experiment als gescheitert gelten. Oder als produktiver Fehlschlag. Denn eine mögliche Interpretation könnte lauten: Twitterer sind für jeden Unfug zu haben, aber nicht für Scherze mit ernsthaften Angelegenheiten wie demokratischen Wahlen.

Am Sonntag, den 19.10.2014 wählen die Heidelberger Bürgerinnen und Bürger ihren Oberbürgermeister. Der parteilose Amtsinhaber Dr. Eckart Würzner stellt sich erneut zur Wahl. Ihn unterstützt ein breites Bündnis der bürgerlichen Parteien. Gegen Würzner tritt der ebenfalls parteilose Alexander Kloos an, der schon bei der letzten Wahl 2006, damals noch neben acht Konkurrenten, einen Anlauf genommen hatte. SPD und Grünen war es diesmal nicht gelungen, einen namhaften Gegenkandidaten zu finden. Alles andere als ein deutlicher Sieg für Würzner mit absoluter Mehrheit im ersten Wahlgang wäre eine faustdicke Überraschung.

Zwar stehen auf dem Wahlzettel nur die Namen Würzner und Kloos. Die Wähler sind aber frei, auch andere Namen auf den Stimmzettel zu schreiben. Bei der Stichwahl im November 2006 machten immerhin 23 Wahlberechtigte davon Gebrauch (siehe amtliches Endergebnis der OB-Wahl 2006). Die Wählbarkeit ist so definiert: „Wählbar sind Deutsche im Sinne von Artikel 116 Absatz 1 des Grundgesetzes und Staatsangehörige eines anderen Mitgliedstaates der Europäischen Union, die vor der Zulassung der Bewerbungen in der Bundesrepublik Deutschland wohnen; die Bewerber müssen am Wahltag das 25., dürfen aber noch nicht das 65. Lebensjahr vollendet haben und müssen die Gewähr dafür bieten, dass sie jederzeit für die freiheitliche, demokratische Grundordnung im Sinne des Grundgesetzes eintreten.“ Es ist zwar noch nie vorgekommen, dass ein Überraschungskandidat auf diese Weise gewählt wurde. Er oder sie müsste das Amt auch nicht antreten. Aber wenn eine Person mindestens sechs Stimmen erhält, dann muss sich der Wahlausschuss damit befassen.

Ich lade die in Heidelberg wahlberechtigten Leserinnen und Leser dieses Blogs zu einem kleinen Social-Media-Experiment ein: Geben Sie mir („Dr. Frank Stäudner“) Ihre Stimme bei der OB-Wahl am 19. Oktober 2014. Ich habe weder ein Wahlprogramm noch die Absicht, mich in der Kommunalpolitik einzumischen. Aber ich werde später an dieser Stelle über das Ergebnis berichten. Phantasienamen („Mickey Maus“) machen den Wahlzettel übrigens ungültig.

Es gibt naheliegende Einwände gegen das Experiment.

1) Freie, gleiche und geheime Wahlen sind das Herzstück der Demokratie. Damit darf man keine Scherze treiben. Außerdem verhöhnt es die ernsthaften Kandidaten.

2) Das so genannte Experiment beweist nichts. Weder sind die Fallzahlen groß genug für eine aussagefähige Statistik, noch lassen sich die Randbedingungen kontrolliert variieren.

Ich erwidere: Die Freiheit in einer Demokratie drückt sich insbesondere darin aus, dass ein Wähler mit seiner Stimme tun kann, was er will, und niemandem Rechenschaft schuldet. Es läge mir fern, Kloos und Würzner zu nahe treten zu wollen, die ich beide für honorige Männer halte. Ich vertraue auf ihre Souveränität. Gut möglich, dass das Twitterexperiment nichts beweist. Aber wenn man immer wüsste, was bei Experimenten rauskommt, dann müsste man sie nicht machen.

In diesem Sinn danke ich schon im Voraus recht herzlich für Aufmerksamkeit und Unterstützung.

Frank Stäudner

 

Ausflug ins Floskelland

Floskeln sind gefährlich. Es ist die Haupteigenschaft einer abgedroschenen Redewendung, dass jedermann sie sofort versteht. Sie werden daher gern gedankenlos benutzt. Überlegten wir mehr, kämen manche Formulierungen nicht über unsere Lippen. „Sich hinter jemanden stellen“ ist eine davon.

Besonders anfällig ist die Sportberichterstattung für stereotypen Sprachgebrauch. So titelt Spiegel online am 22.9.2014 „Bobic stellt sich hinter Trainer Veh“. Sportvorstand Fredi Bobic, so der Bericht, habe dem Trainer des Fußballbundesligisten VfB Stuttgart Armin Veh ungeachtet mäßiger Resultate eine Jobgarantie gegeben.

Veh sollte sich Sorgen machen. Echte Unterstützung sieht zumindest unter sprachlichen Gesichtspunkten anders aus. Da die Gefahr meist von vorne kommt, stellt sich ein mutiger Beschützer vor den Trainer. Wer dahinter steht, will eher einen Widerstrebenden an einen ungeliebten Ort vor sich her schieben. Besser für Veh wäre es, wenn Bobic ihm den Rücken hätte stärken wollen.

Wie schief die Floskel ist, zeigt ein Blick in die Vergangenheit. Im 18. Jahrhundert zogen Heere in fester Schlachtordnung ins Gefecht. Die Offiziere gingen hinter ihren Truppen – um die einfachen Soldaten am Weglaufen hindern zu können. Die einen fanden wenig Vergnügen daran, sich in fester Formation über den Haufen schießen zu lassen, der andere sollte sich Sorgen machen, was sein Sportvorstand im Rücken so treibt. Denn oft genug läuten Solidaritätsadressen im Fußball den Anfang vom Ende eines Trainerjobs ein.

P.S.: Wer die Zahl der Floskeln in diesem Text an den Autor übermittelt, der bekommt eine Verlinkung auf eine Webadresse eigener Wahl geschenkt.

Frank Stäudner