Corporate Publishing tut dem Journalismus gut

Staatliche Museen und Theater geben journalistisch gut gemachte Magazine und Hefte heraus. Sie bezahlen das aus öffentlichen Mitteln. Johann Schloemann kritisiert dieses „neue Staatsfeuilleton im subventionierten deutschen Kulturföderalismus“ (Süddeutsche Zeitung vom 15.5.2014, hier online: „Das neue Staatsfeuilleton“). Eine ähnliche Entwicklung ist schon seit Jahren im Wissenschaftsjournalismus zu beobachten. Darauf weisen @fischblog, @tre_bol und andere auf Twitter hin. Aber ist das ein Problem? Ich meine: nein.

Schloemann beschreibt eine auf den ersten Blick gute Entwicklung. Anspruchsvolle journalistische Darstellungsformen breiten sich aus dem Feuilleton in andere journalistische Themenfelder aus. Autoren und Künstler erhalten gut bezahlte Aufträge im Corporate-Publishing-Sektor. Dem bekannten Münchener Feuilletonredakteur aber behagt das nicht so recht:

„Es ist nicht leicht, das neue Staatsfeuilleton im subventionierten deutschen Kulturföderalismus als Problem zu benennen. Zu leicht gerät man in das Netz von Neid und Betriebsnähe, von dem hier eingangs die Rede war. Viele gute Kollegen, viele geschätzte Autoren beteiligen sich daran. Aber man sollte sich trotzdem fragen, was für eine öffentliche Sonderwelt da herangewachsen ist.

Die staatlichen Organe zahlen auch oft stattliche Honorare, was den schrumpfenden Honorartöpfen vieler Zeitungen ebenso zusetzt wie den kleineren Kulturzeitschriften. Manches am Staatsfeuilleton ist Volksbildung, anderes aber ist eher „Corporate Publishing“, nur dass die Firma hier der Staat ist und der Kunde sein Steuerzahler.“

Die Kritik ist zart formuliert und nur angedeutet. Zugespitzt lesen sich die Argumente etwa so:

1. Eigene Magazine herauszugeben gehört nicht zum Auftrag öffentlicher Kulturinstitutionen. Wenn sie es dennoch tun, vergeuden sie Steuergelder.

2. Die staatlichen Auftraggeber verderben die Preise. „Echter“ Journalismus hat es dadurch schwer.

Im Wissenschaftsjournalismus wird schon seit Jahren eine vergleichbare Qualitätsdebatte geführt. Große Wissenschaftsorganisationen, Wissenschaftsförderorgansationen wie die Deutsche Forschungsgemeinschaft oder der Stifterverband geben viel Geld aus, um Themen aus der Wissenschaft anspruchsvoll journalistisch aufzubereiten. Der Autor dieser Zeilen hat das selber viele Jahre an verantwortlicher Stelle getan. Argument 1 trifft auch Leibniz-Gemeinschaft, Max-Planck-Gesellschaft und andere, bis hin zum Bundesforschungsministerium. In der älteren Debatte taucht häufig ein weiteres Argument auf:

3. Wissenschafts-PR ist interessengeleitet und von daher gar kein Journalismus. Wenn die Herausgeber dennoch so tun, als informierten sie objektiv über Themen aus Forschung und Wissenschaft, so führt das die Leser in die Irre. Das ist eine milde Form von Betrug.

Alle drei Argumente lassen sich leicht entkräften.

1. Werbung für die eigenen Produkte zu machen und die Kundenbindung zu pflegen gehört zur originären Aufgabe von Theatern und Museen. Zur Aufgabe von Wissenschaftsorgansationen gehört, die Öffentlichkeit über die eigene Arbeit zu informieren. Eine weitere wichtige Aufgabe ist es, die eigenen Interessen so zu vertreten, dass die Arbeitsfähigkeit gesichert bleibt. PR ist legitim, ein Magazin kann im Kommunikationsmix ein wichtiges Element sein.

2. Aus den Geschäftsführungsetagen des Journalismus gibt es immer wieder den Ruf nach direkten staatlichen Subventionen, um die Rolle der „vierten Gewalt“ für Rechtsstaat und Demokratie zu stärken. Vor diesem Hintergrund fände ich eine gewisse Entspanntheit gegenüber indirekten Subventionen ganz angebracht. Denn um nichts anderes als eine indirekte Subvention handelt es sich, wenn Autoren und Journalisten für PR-Aufträge angemessene Honorare erhalten. Diese Honorare ermöglichen es vielen meist freien Journalisten überhaupt erst, originär journalistische, aber schlecht bezahlte Aufträge anzunehmen.

3. Die Leser sind nicht dumm. Sie würden es merken, wenn ihnen tendenziöse Sichtweisen untergejubelt werden sollen. Und wo nicht, gibt es fähige Journalisten, die den Beeinflussungsversuch aufdeckten. Der Schaden an der Reputation wäre riesig und stünde in keinem Verhältnis zum schnellen Nutzen. Weil das so ist und die meisten Wissenschaftsorganisationen professionell arbeiten, passiert das nicht.

Ok. Vielleicht passiert es doch. Aber selten. Und die Frage, wie weit es mit der Objektivität und Unabhängigkeit des Journalismus überhaupt her ist – die steht auf einem anderen Blatt.

Bahngeschichte VIII: Profis schweigen

Bei jeder Zugfahrt kommt irgendwann der Moment, in dem Mitreisende über die Bahn schimpfen. Zu teuer, zu spät, zu unfreundlich. Wir Vielfahrer schweigen dann wissend. Denn wer so redet, gibt sich als jemand zu erkennen, der nur selten Bahn fährt.

Neulich musste ich mit dem Auto an einem Freitagnachmittag von Heidelberg nach Kassel fahren. 300 Kilometer, auf denen das Gesetz des Dschungels herrschte. Alle wollen schnell nach Hause, viele sind müde, die Stimmung ist aggressiv. Ich werde Zeuge von zwei Massenkarambolagen. In den Kasseler Bergen liegt ein BMW malerisch auf dem Dach. Dahinter staut sich der Verkehr auf 30 Kilometern. Es ist zum Glück die Gegenrichtung. Wie entspannt ist dagegen die Weiterfahrt von Kassel nach Berlin drei Tage später. Da sitze ich nämlich in einem ICE der Deutschen Bahn.

Im Speisewagen trinke ich Kaffee. Mit normaler Milch (vgl. Bahngeschichte 4). Draußen zieht Landschaft vorbei. In einer Stunde geht es über die Elbe. Vielleicht zeigen sich in Brandenburg sogar die seltenen Großtrappen.

Plötzlich geht es am Nebentisch los: „Fast hätten wir den Anschluss in Hannover nicht bekommen. Und es gab mal wieder keine Durchsage, dass der Zug falsch rum gereiht ist. Typisch. Da fährt man einmal im Jahr mit der Bahn. Und dann das.“ Jetzt bloß keinen Fehler machen. Ich könnte davon berichten, wie mich ein Schaffner vor 25 Jahren als Student mal sehr von oben herab behandelte. Oder von zwei Stunden zwischen Jena und Weimar, als sich ein Selbstmörder vor den Zug geworfen hatte. Oder von den ICEs mit fehleranfälliger Neigetechnik, die ab 2000 zwischen Frankfurt am Main und Dresden eingesetzt wurden und regelmäßig stundenlange Verspätungen einfuhren. Von ausgefallenen Klimaanlagen. Von unbenutzbaren Toiletten. Oder vom Stau auf der Schnellbahnstrecke Köln – Frankfurt-Flughafen. Doch das mache ich nicht. Denn verglichen mit den Erlebnissen auf deutschen Autobahnen sind das Kleinigkeiten. Und selten sind die unerfreulichen Erlebnisse noch dazu.* Ich beharre darauf: Das Reisen in großen Wagen mit Chauffeur ist sehr angenehm. Trotz der Beifahrer.

*Eine Einschränkung muss ich machen. Als der Bahnchef Mehdorn hieß und die Bahn sich an der Lufthansa orientierte, war Bahnfahren eine Zeitlang kein Vergnügen. Damals (2002) benannte die Bahn nicht nur die Züge nach dem Vorbild der Fluggesellschaft nach Städten um, sondern versuchte, aus dem Fahrplan noch die letzten Minuten herauszuquetschen. Als Folge gab es keine Zeitpuffer mehr, so klappten die Anschlüsse tatsächlich oft nicht. Inzwischen haben die Verantwortlichen aber erkannt, dass Bahnfahrer nicht möglichst schnell von A nach B kommen wollen, sondern besonders sicher, bequem und flexibel.

Unnötige Bürokratie macht Weiterbildung unnötig teuer

Viele Vorschriften zur Qualitätssicherung von Weiterbildungen sind kontraproduktiv und überflüssig. Warum? Das erkläre ich in einer aktuelle Kolumne in der Maiausgabe von Training aktuell, der führenden Trainerzeitschrift (hier lesen). Den etwas ausführlicheren Text gibt es in meinem Blog.

Neulich fühlte ich mich wie der Hauptmann von Köpenick. Der Autor Carl Zuckmayer (1896 – 1977) schickt in seinem gleichnamigen Roman den arbeitslosen Schuster Friedrich Wilhelm Voigt in eine bürokratische Endlosschleife. Voigt kann sich daraus nicht befreien. Als er nicht mehr weiter weiß, raubt er als falscher Hauptmann mit einem Trupp gutgläubiger Soldaten die Köpenicker Stadtkasse. Wer sich heute als Weiterbildungsanbieter im Interesse seiner Teilnehmer mit Bildungsgutscheinen und Bildungsurlaub beschäftigt, blickt in bürokratische Abgründe wie damals der Schuster Voigt.

Viele Bundesländer fördern die Weiterbildung ihrer Bürger. Im Prinzip ist das eine gute Idee. Es gibt Bildungsgutscheine, den Qualischeck oder Bildungsurlaub. Damit das Geld nicht bei halbseidenen Anbietern landet oder für Töpferkurse in der Toskana ausgegeben wird, haben sich die Ministerien Methoden der Qualitätssicherung ausgedacht. Das ist auf den ersten Blick nachvollziehbar. Da aber jedes Bundesland sein eigenes Regelwerk für die Anerkennung, Akkreditierung und Zertifizierung erlässt, muss ein deutschlandweit tätiger Weiterbildner Unsummen ausgeben und Qualitätsnachweise in vielen Stunden mühsam zusammentragen.

So haben Angestellte in Nordrhein-Westfalen (NRW) Anspruch auf bis zu fünf Tage zusätzlichen Urlaub, wenn sie an diesen Tagen eine Weiterbildung besuchen. Die Bildungsveranstaltung muss aber staatlich anerkannt sein. Für Akademien mit Sitz außerhalb des Bundeslandes ist die Bezirksregierung Detmold zuständig. Dort kann man sich in die Liste der anerkannten Anbieter aufnehmen lassen. Das ist kompliziert und teuer.

Was hat sich das NRW-Landesparlament dabei gedacht? Warum überlässt es der Gesetzgeber nicht Arbeitgebern und Arbeitnehmern, sich frei über Zeit, Ort und Inhalt eines Bildungsurlaubs zu verständigen? Die Gründe sind Kontrollwahn und Geiz. Behörden haben gern die Kontrolle. Lieber erlassen sie eine Regel zu viel als eine zu wenig. Schließlich macht ein Beamter nicht Karriere, wenn er Erfolge hat, sondern, wenn er Fehler vermeidet. Dass auf diese Weise erst recht Zeit und Geld vergeudet werden, ist nicht schlimm. Es trifft schließlich den Anbieter. Der holt sich die Kosten aber von seinen Kunden zurück. Mit anderen Worten: Bürokratie macht Weiterbildung teurer, als sie sein müsste.

Zweitens sollen nicht zu viele Leute Bildungsurlaub machen. Er kostet die öffentliche Verwaltung viel Geld, schließlich fahren auch Behördenmitarbeiter in die Bildungsferien. Besser, dem Füllhorn gleich eine Drosselklappe einzubauen. Dann sind auch die Arbeitgeber nicht so sauer. In Baden-Württemberg laufen sie gerade Sturm gegen die Pläne von Wirtschaftsminister Nils Schmid, ein Bildungsurlaubsgesetz zu erlassen. Man darf Schmid Standhaftigkeit wünschen. Aber hoffentlich nimmt er sich nicht NRW zum Vorbild.

Von den Verbänden der Weiterbildungsanbieter ist nur wenig Hilfe zu erwarten. Viele von ihnen vergeben eigene Qualitätssiegel und haben wenig Interesse, das Akkreditierungskarussell anzuhalten. Dabei ist es ein offenes Geheimnis unter Weiterbildungsanbietern, dass Zertifizierungen nur den Anschein von Qualität schaffen. Den Schuster Voigt gab es übrigens wirklich.

Bahngeschichten VII: Ein tiefer Zug im Zug

Die Deutsche Bahn hat 2007 ein komplettes Rauchverbot in ihren Zügen verfügt. Seither hält das Bahnfahren eine weitere Demütigung für Raucher bereit: Ein Atemzug demaskiert die Süchtigen.

Wir Vielfahrer kennen das Bild: Ein Bahnreisender nutzt den Drei-Minutenhalt für die schnelle Zigarette. In Köln oder Frankfurt sind es sogar fünf Minuten; dort wechselt der Zug die Richtung. Einen Fuß in der Tür, raucht er (es sind fast immer Männer) seine Zigarette in wenigen hastigen Zügen weg. Wenn der Zugbegleiter zur Abfahrt pfeift, fliegt die Kippe ins Gleisbett, die Tür schließt sich, der letzte nikotingeschwängerte Atemzug entweicht im Waggon. Genuss sieht anders aus. Und die Mitreisenden blickend sich schnuppernd und wissend an: Hier ist ein Mensch, den die Sucht im Griff hat.

Wenn die Raucher wüssten, welches beschämende Bild sie abgeben, so ginge davon womöglich ein starker Impuls aus, das Rauchen aufzugeben. Mit diesem Gedanken im Kopf setzte ich mich in den Speisewagen und bestelle den ersten Weißwein. Man gönnt sich ja sonst nichts.

 

Die ganz große Koalition der Bevormundung

Sollen Menschen Hilfe bekommen, die sterben wollen, aber sich nicht selbst töten können? Sollen sie vielleicht sogar einen Anspruch auf aktive Sterbehilfe haben? Kirchen, Prominente wie Franz Müntefering, Ärzteverbände und Parteien sagen Nein. Mich überzeugen die Argumente nicht. Ein Plädoyer für Autonomie und Freiheit am Lebensende.

Gegner aktiver Sterbehilfe führen typischerweise fünf Argumente für ihre Position an.

Argument 1: Menschen könnten sich gegen ihren Willen zum Sterben genötigt fühlen.

Müntefering und andere beschwören das Bild des alten Mütterchens herauf, das seinen Verwandten nicht länger zur Last fallen will und sich deshalb für den Freitod entschließt oder von diesen dazu gedrängt wird. Das Bild ist so eindrücklich, dass es leicht überdeckt, wie wackelig die Hypothese ist. Nötig wäre ein empirischer Beleg dafür, dass es das Mütterchen (und dessen ruchlose Verwandtschaft) überhaupt gibt. Dass die Zahl assistierter Freitode alter Menschen in Ländern wie den Niederlanden mit liberaler Sterbehilfepraxis nicht steigt, spricht dagegen.

Hinzu kommt, dass Autonomie und Freiheit des Einzelnen zu den wichtigsten Grundwerten unserer Gesellschaft gehören. Ein ganzes Erwachsenenleben lang treffen wir eigenverantwortlich Entscheidungen. Viele sind gut, andere dumm, manche für Dritte nicht nachvollziehbar. Wieso das am Lebensende und im Angesicht der letzten Fragen plötzlich anders sein soll, will mir nicht in den Kopf.

Wie wäre es, aktive Sterbehilfe zu gestatten, aber eine Beratungspflicht einzubauen? Das könnte die Sorge der Gegner lindern, dass sich jemand unter Zwang das Leben nehmen will. Die Regelung zur Abtreibung mit Fristenlösung und Schwangerenkonfliktberatung könnte als Vorbild dienen.

Argument 2: Die Palliativmedizin kann das Leid am Lebensende so weit lindern, dass Sterbehilfe nicht nötig ist.

Mag sein. Doch wäre es eine Bevormundung, die mit den Prinzipien unserer freiheitlichen Gesellschaft unvereinbar ist, Menschen das Recht auf den eigenen Tod zu verweigern. Der Schriftsteller Wolfgang Herrndorf (1965 – 2013) beschreibt in „Arbeit und Struktur“ sehr eindrücklich, wie befreiend für ihn das Wissen war, seinem Leben selbstbestimmt ein Ende setzen zu können.

Argument 3: Was, wenn der Todeswunsch einer Krankheit entspringt, die die Entscheidungsfähigkeit beeinträchtigt?

Kranke müssen behandelt werden. Ansonsten gilt: Gesunde haben Aspruch auf Respekt vor ihren Entscheidungen.

Argument 4: Gott hat die Selbsttötung verboten. Also ist Sterbehilfe Sünde.

Deutschland ist im Prinzip ein laizistisches Land. Kirche und Staat sind getrennt (auch wenn das nicht überall sauber durchgehalten wird). Glaubensgemeinschaften dürfen Regeln für die eigenen Mitglieder erlassen. Sie haben aber keinen Anspruch darauf, andere zu bevormunden.

Argument 5: Es ist ein Unding, am Sterben anderer Menschen Geld zu verdienen.

Friedhofsgärtner, Steinmetze und Bestatter verdienen ihr Geld mit dem Tod. Das findet auch keiner anrüchig. Hinzu kommt: Ein Sterbehilfeverein gefährdet nicht die Jugend und beeinträchtigt Dritte nicht in ihrer Entfaltung. Es gibt aus meiner Sicht somit keine Gründe, die Gewerbefreiheit einzuschränken.

Argument 6: Auf A wie aktive Sterbehilfe folgt bald E wie Euthanasie.

Das ist kein Argument, sondern der Popanz eines Arguments. Das Argument rührt zwei Dinge zusammen, zwischen denen ein tiefer Graben liegt. Auf der einen Seite geht es um die Hilfe bei der Selbsttötung eines erwachsenen Menschen mit wachem Verstand, auf der anderen Seite um die Frage, ob der Staat oder irgendeine andere Instanz darüber bestimmen darf, Menschen zu töten, die sich selbst nicht artikulieren können. Zu behaupten, die meisten Menschen könnten nicht den Unterschied erkennen, beleidigt den Verstand.

Man kann Ersteres entschieden bejahen, und Letzteres ebenso entschieden ablehnen. So wie ich es tue.

Rausgeworfenes Geld

 Ein Plädoyer für sparsame Werbung für Weiterbildungsangebote

Weiterbildungsanbieter bewegen sich auf einem umkämpften und stark geschichteten Markt. Es findet sich immer ein Seminarveranstalter, der die vermeintlich selbe Sache billiger anbietet. Das Dozentenhonorar lässt sich hier noch ein wenig drücken, die Zahl der Kursteilnehmer da noch ein wenig erhöhen. Blöd nur, dass dann die Qualität des Angebots leidet. Die Preisspannen sind ohnehin riesig. Den Grundkurs Philosophie der Volkshochschule Heidelberg mit sechs Abendterminen gibt es für 40 Euro. Für den Besuch eines zweitägigen Wirtschaftskongresses, den prominente Redner zieren, werden schnell mal 2500 Euro fällig. Erschwerend kommt hinzu, dass Qualität und Preis keineswegs korrelieren müssen.

Das liegt unter anderem daran, dass die Werbung ein enormer Kostentreiber ist. Es gibt Weiterbildungsanbieter, die die Hälfte des Umsatzes für Anzeigen, Flyer und andere Werbemaßnahmen aufwenden. Nun nützt das schönste Weiterbildungsangebot nichts, wenn niemand davon erfährt. Dennoch ist aus meiner Sicht Zurückhaltung angebracht. Seriöse Weiterbildungsanbieter sind gut beraten, teuere Werbekampagnen und Anzeigen behutsam einzusetzen. Zwei Argumente sprechen dafür – ein  pragmatisches und ein ethisches.

Das pragmatische Argument. Anzeigenwerbung ist teuer und nutzlos. Von Marketingpionier John Wanamaker (1838 – 1922) stammt der berühmte Satz: „Half the money I spend on advertising is wasted; the trouble is I don’t know which half.“ Doch wenn die Hälfte des Werbebudgets rausgeschmissenes Geld ist, gibt es dann nicht kostengünstigere Wege? Die gibt es in der Tat. Die Pflege von Empfehlungsnetzwerken mit regelmäßigen elektronischen News wäre eine Option, um die wichtigsten Multiplikatoren, zufriedene Absolventen, zu gewinnen. Vor allem aber ist ein aussagekräftiger und aktueller Internetauftritt längst unverzichtbar. Der Verzicht auf zwei Anzeigen wiegt das Gehalt für den Webredakteur im Monat locker auf.

Ein Problem sei nicht verschwiegen: Internetinfos erreichen nur die Weiterbildungskunden, die schon wissen, wonach sie suchen. Um Kunden überhaupt erst auf den Geschmack oder die Idee zu bringen, bedarf es anderer Dinge. Klassische Werbung wird also weiter ein Mittel sein. Wenn sie doch nur nicht so teuer wäre!

Das ethische Argument. Einen maßgeblichen Teil des Umsatzes für Werbung auszugeben, benachteiligt die Kunden. Denn diese kommen letztlich mit ihren Seminargebühren für alle Unkosten auf. Sie bezahlen nicht nur den Trainer, den Ort und die Verwaltung, sondern – alles, also auch die Werbung. Doch während die Weiterbildungsteilnehmer von einem qualifizierten Dozenten und einem ansprechenden Lernort unmittelbar einen Nutzen haben, ist das bei den teuren Anzeigen nicht so.

Hier unterscheidet sich die Weiterbildungsbranche von anderen Wirtschaftszweigen wie etwa der Konsumgüterindustrie. Bei einem Limonadeproduzenten wie Coca-Cola wäre die Trennung von Herstellung, Vertrieb, Werbung künstlich und willkürlich. Alle Unternehmensteile sind für den Unternehmenserfolg nicht nur unverzichtbar. Die Werbung erzeugt in gewisser Weise überhaupt erst den Markt mit ihrem emotionalen Nutzenversprechen, den das Produkt dann befriedigt.

Weiterbildner verfügen im Unterschied dazu über ein Produkt („Bildung“), dass gemäß eines breiten gesellschaftlichen Konsenses als wertvoll und förderungswürdig gilt. Dieses Privileg gilt es zu pflegen. Es schadet nicht, wenn Akademien ihre Besonderheiten kultivieren. Gleichwohl wird der aufmerksame Leser auch 2014 gelegentlich eine Anzeige der Akademie für wissenschaftliche Weiterbildung entdecken. Und zwar diese:

Imageanzeige 2014

Die Qualitätsillusion

Es ist ein offenes Geheimnis unter Weiterbildungsanbietern: Zertifizierungen sind Unfug. Sie bürgen nicht verlässlich für Qualität, sondern erzeugen deren Schein. Dennoch ist es schwer, sich dem Zertifizierungs- und Akkreditierungskarussell zu widersetzen. Kunden und Geldgeber verlangen danach. Wie kommt man da raus? Letztlich durch die Pflege langfristiger Partnerschaften zwischen Auftraggeber und Weiterbildungsanbieter.

Zertifizierungen und andere Qualitätsnachweise seien im Weiterbildungsmarkt gescheitert, weil sie nicht das messen, was sie messen sollen. Die Qualität eines Trainers lasse sich durch formale Verfahren nicht feststellen. Diese Meinung vertritt die bekannte Trainervermittlerin Jutta Häuser im aktuellen Heft von Training aktuell (hier zum Beitrag, kostenfreie Anmeldung erforderlich). Sie hat gute Gründe.

Grund 1: Zertifizierungen gibt es wie Sand am Meer. Trainer zertifizieren andere Trainer, Verbände ihre Mitglieder. Ein allgemein anerkanntes Qualitätssiegel gibt es nicht. Die Vielzahl der Zertifikate, Zeugnisse und Siegel verwirrt den Kunden mehr, als dass er verlässlich den besten Weiterbildungsanbieter für seine Bedürfnisse fände.

Grund 2: Die Qualität eines Trainers erwächst aus Eigenschaften und Dingen, die sich einer formalen Begutachtung gerade entziehen. Persönlichkeit lasse sich nun einmal nicht zertifizieren, so Häuser. Selbst die Erfahrung eines Trainers ist nicht so einfach zu bewerten. Klar, die Zahl der Berufsjahre und der Kunden lässt sich zählen und belegen. Aber ob nun genau dieser Trainer für jenen Auftrag geeignet war, das wissen Auftraggeber und -nehmer zuverlässig erst hinterher.

Das hängt mit Grund 3 zusammen: Der Kontext beeinflusst die Leistung. Die Tagesform des Trainers prägt das Geschehen im Seminar ebenso wie die Tagesform der Teilnehmer. Ein Trainer mag in einer Weiterbildung mit Vertriebsleuten brillieren, bei Ingenieuren beißt er auf Granit. Viele kleine und große Rahmenbedingungen sind ständig im Fluss und machen jedes Seminar zu einem Unikat. Doch was sich nicht wiederholen lässt, lässt auch keine verlässlichen Aussagen über die Zukunft zu.

Warum also streben so viele Trainer, Akademien und Agenturen nach Zertifikaten? Weil Kunden es so wollen. Weiterbildung ist eine Dienstleistung, deren Wirkung sich nur schwer fassen lässt. Ob der Installateur das Waschbecken gerade an die Wand gedübelt hat, erkennt jeder Laie. Aber ob die Teilnehmer eines Seminars mit einem echten Plus an Know-how aus der Veranstaltung rausgehen, ist mit einfachen Mitteln kaum zu verifizieren. Das Zertifikat gibt dem Auftraggeber in dieser Situation das beruhigende Gefühl, alles für den Erfolg getan zu haben.

Nicht zu vergessen die öffentliche Hand. Landesparlamente treiben das Zertifizierungsgewerbe kräftig an. Wer aus Steuermitteln Zuschüsse zu Weiterbildungen auslobt oder mit Bildungsurlaubsgesetzen den Angestellten im jeweiligen Bundesland zusätzliche Ferientage beschert, will kein Mittelmaß fördern. Deshalb müssen sich Akademien den unterschiedlichsten Prozeduren unterziehen, um ihre Qualität darzulegen. Jedes Land hat da seine eigenen Regeln. Ob dadurch mehr Qualität entsteht, ist höchst zweifelhaft. Nur dass es Bürokratie schafft und die Kunden Geld kostet, weil sich die Weiterbildungsanbieter die Kosten zurückholen, ist gewiss.

Was tun? Eigentlich ist die Lösung ganz einfach. Auftraggeber und Auftragnehmer sollten langfristige Geschäftsbeziehungen anstreben. Wenn an die Stelle von formalen Nachweisen ein kontinuierlicher Austausch tritt, dann öffnet sich der Raum, um spezifische Bedürfnisse zu erkunden und passgenaue Lösungen zu erarbeiten. Auf mittlere Sicht entsteht das, was sich alle wünschen: Qualität.

P.S.: Wie in der Akademie für wissenschaftliche Weiterbildung an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg die Qualitätssicherung gehandhabt wird, steht hier.

Nachtrag am 31.1.14: Der Beitrag hat auf Xing eine lebhafte Debatte unter Weiterbildnern und Trainern ausgelöst. Mit einigen interessanten Argumenten und Vorschlägen wie zum Beispiel einem Pilottraining, um neue Anbieter auszuprobieren. Zur Debatte.

Bahngeschichten VII: Baden baut die Mauer wieder auf

Die Berliner Mauer fiel 1989. Ihre würdige Nachfolgerin steht in Baden. Dort ist seit den frühen Neunzigern eine gigantische Lärmschutzwand entstanden. Was in der DDR dazu diente, die Bürger einzusperren, soll im Südwesten der Republik das Rattern der Züge dämpfen. Auch hinter der neuen Mauer liegt ein Todesstreifen, dessen Betreten streng verboten ist.

Zwischen Freiburg und Baden-Baden ist der Blick aus dem Zugfenster kein Vergnügen. Andernorts ziehen liebliche Landschaften vorbei, im Südwesten Deutschlands blockiert ein endloses 5 Meter hohes Betonband den Blick. Seit 1987 plant die Bahn den Ausbau der Rheintalbahn. Die Strecke zwischen Karlsruhe und Basel ist Teil der wichtigen Verbindung zwischen Rotterdam und Genua, hier sollen künftig viel mehr Güter auf der Schiene rollen als bisher. Der Abschnitt in Baden-Württemberg hat aber nur zwei Gleise. Zu wenig für den anschwellenden Verkehr. Also werden noch zwei Gleise dazugebaut.

Die Trassen laufen teils mitten durch idyllische Ortschaften. Nicht überall lassen sie sich an den Ortsrand verlegen. Um die Anwohner vor dem Lärm zu schützen, entstand rechts und links der Trasse eine riesige Lärmschutzwand. In Baden-Baden ist sie bereits fertig. Wer dort auf dem Fernradweg nach Süden unterwegs ist, radelt über mehrere Kilometer an der Wand entlang: rechts die Mauer, links das Industriegebiet. Der Eindruck ist gespenstisch. Eigentlich fehlen nur die Aussichtsplattformen, die den Touristen in Westberlin den Blick über die Mauerkrone auf den Todesstreifen ermöglichten.

Dafür gibt es in Badens Mauer alle paar hundert Meter Türen. Es sind Fluchtwege. Die gehen aber nicht auf. Zumindest nicht von außen. Das ist auch besser so. Denn dahinter liegt der badische Todesstreifen. Hier rasen die Züge vorbei.

Der Schienensuizid ist in Baden-Württemberg übrigens überproportional häufig. Ein Selbstmordschwerpunkt auf der Rheintalstrecke ist Emmendingen. Daran hat der Bau der Lärmschutzwände wenig geändert. Die lebensmüden Leute werfen sich jetzt im Bahnhof vor den Zug.*

*vgl. die Studie „Regionale und örtliche Verteilungsmuster von Bahnsuiziden„, 2004.

Autorisieren und Gegenlesen sind nicht dasselbe

Soll ein Wissenschaftsjournalist seinen fertigen Text dem Wissenschaftler vorlegen, der Auskunft gegeben hat? Diese alte Debatte hat auf der Bremer Fachkonferenz Wissenswerte einen erneuten Anstoß bekommen.

Der Hauptprotagonist in Bremen war Patrick IIlinger (Süddeutsche Zeitung), der die Praxis des Gegenlesens als komplett unjournalistisch verwarf. Markus Pössel (Blogger) und Franz Miller (Ex-Fraunhofer-Kommunikationschef) haben die Debatte inzwischen weiterbefördert. Lesenswert ist vor allem ein Beitrag von Pössel („Journalisten, Wissenschaftler und das leidige Gegenlesen“), der fein auseinander sortiert, was Miller zuvor zusammengeworfen hatte („Wissenswerte – im Umbruch“).

Wenn „Autorisieren“ (=Text als wohlgefällig absegnen) und „Gegenlesen“ (=Text vom Fachmann auf sachliche Richtigkeit unverbindlich prüfen lassen) verrührt werden, führt das die Debatte zum Absturz. Gegen Ersteres wehren sich Journalisten mit Recht. Die entspannte Praxis in anderen Ländern, was Zweiteres angeht, finde ich durchaus beispielhaft.

Zwei Gedanken:
1) Wenn sich Journalisten so vehement weigern, ihren Text vor der Veröffentlichung unverbindlich der Expertin (Männer sind mitgemeint) zu zeigen, enthält das eine Prise Unsouveränität.

2) Ganz unschuldig sind Wissenschaftler am Durcheinander nicht. Die verwechseln Autorisieren und Gegenlesen oft genug. Der Anspruch, das öffentliche Bild der eigenen Arbeit zu kontrollieren, tarnt sich dann als freundliches Angebot, die sachliche Richtigkeit zu prüfen. Dem zu widerstehen steht Journalisten gut zu Gesicht.