Wählerbeschimpfung

Weniger als die Hälfte der Wahlberechtigten hat bei der Landtagswahl in Sachsen am 31.8.2014 die Stimme abgegeben. Regenwetter und das Ende der Sommerferien sorgten für einen Minusrekord von 49,2 Prozent. SPD-Chef Sigmar Gabriel machte noch am Wahlabend CDU-Ministerpräsident Stanislaw Tillich für die geringe Wahlbeteiligung verantwortlich. Gabriel nannte es eine „Dummheit“, den Wahltermin auf den letzten Ferientag zu legen. „Man sollte nicht darauf setzen, dass die Wähler im Urlaub sind,“ sagte der SPD-Chef im ZDF.

Anstelle des politischen Gegners hätte Gabriel mit den besseren Gründen die Wähler beschimpfen können. Immerhin gibt es dank Briefwahl keinerlei Grund, die Stimmabgabe zu verpassen. Wem Wählen wichtig war, der konnte es tun. Wenn dennoch weniger als die Hälfte der Sachsen wählen ging, dann war es der Mehrheit eben nicht wichtig genug. Dafür mag es respektable und weniger respektable Gründe geben. Die Diagnose von der Politikverdrossenheit ist schnell bei der Hand. Sie hat nur den Nachteil, dass nicht klar ist, wer für die Verdrossenheit verantwortlich ist. Nach verbreiteter Lesart sind es „die Parteien“, die den Wählern kein attraktives Angebot machen. Vielleicht sind es aber auch „die Wähler“, die nachlässig ihr demokratisches Grundrecht mit Füßen treten.

Nun dürfen Politiker nach etablierter Lehre niemals ihre Wähler beschimpfen. Gabriel blieb daher nur die Attacke auf Tillich. Journalisten haben mehr Freiheiten. Nikolaus Blome vom SPIEGEL hat es vorgemacht: „Koffer auspacken und Buntstifte spitzen war wichtiger, als den Rechtsextremen an jenem Ort eine Lektion zu erteilen, an dem Demokraten so etwas mit Würde erledigen können: an der Urne. Nur gut 48 Prozent, die zweitschlechteste Beteiligung bei einer deutschen Landtagswahl überhaupt, das ist wirklich ein übler Witz. Dafür sollten sich alle Nichtwähler in Sachsen schämen.“

Starke Worte. Dabei trifft eine geringe Wahlbeteiligung alle Parteien. Politikwissenschaftler meinen zwar, dass große Parteien stärker litten, weil die Anhänger kleiner Parteien im Mittel motivierter seien. Aber es haben am letzten Augustsonntag bestimmt auch NPD-Anhänger Buntstifte gespitzt. Am Ende fehlten der NPD 809 Stimmen, die mit 4,95 % den Wiedereinzug in den Landtag an der Elbe verpasste. Was für eine schöne Pointe.

Wiedersehen nach 15 Jahren

Jeder Doktorand kennt das Gefühl des Überdrusses, das sich bei der Spurensuche in feinsten Verästelungen eines Forschungsgebiets einstellt – und das Gefühl der Befreiung, wenn die Arbeit endlich getan ist. Im Jahr 1998 war ich dermaßen erleichtert (und bedient), dass ich nach Abgabe der Pflichtexemplare nie wieder in der Arbeit geblättert habe. Jetzt aber nehme ich die Doktorarbeit erneut zur Hand. Kann der junge Autor von damals vor seinem Alter Ego von heute bestehen? Eine Reise in vergangene Geisteswelten.

„Virtuelle Erfahrung“ – der Titel kann sich auch heute noch sehen lassen. Im Nachhinein findet der Rezensent von heute es ein wenig erstaunlich, dass der Autor damals mit einem beinahe feuilletonistischen Titel bei den Gutachtern durchgekommen ist. Immerhin zollt ein Untertitel den akademischen Gepflogenheiten in der Philosophischen Fakultät Tribut und umreißt den Forschungsgegenstand: „Eine Untersuchung über den Erkenntniswert von Gedankenexperimenten und Computersimulationen in den Naturwissenschaften“.

Das Inhaltsverzeichnis ist mit fünf Kapiteln und drei Gliederungsebenen angenehm übersichtlich. Die Titel der Unterkapitel sind von unterschiedlicher Güte. Nicht alle erklären sich aus sich heraus. Das würde ich heute anders machen. Auf eine Besonderheit deutet das Abbildungsverzeichnis hin. Die Arbeit enthält gleich zehn davon – in wissenschaftsphilosophischen Arbeiten war und ist das eher ungewöhnlich. Dem kundigen Leser fällt zudem auf, dass das Manuskript mit dem Buchsatzprogramm LaTeX erstellt wurde. Wer sich erinnert, welche Fummeleien der Einbau von Bilddateien nötig machte, wird den Bilderreichtum der Arbeit extra zu würdigen wissen.

„Die rasch fortschreitende Entwicklung der Computertechnologie in den vergangenen fünfzig Jahren hat auch die Naturwissenschaften nachhaltig beeinflusst.“ Wer hätte das gedacht? Ein Knaller ist der erste Satz der Arbeit nicht. Hoffentlich erhebt sich die Arbeit später über den damit angedeuteten Problemhorizont. Gut gefällt mir, dass bald (Seite 2 der Einleitung) die Forschungsfrage klar umrissen wird: „Wenn in Teilbereichen der Naturwissenschaften auf die Naturbeobachtung in Form von Experimenten ganz verzichtet wird und an die Stelle der Experimente Computersimulationen treten, dann stellt sich die wissenschaftsphilosophische Grundfrage nach dem Status der betroffenen Naturwissenschaften als empirischen Wissenschaften. Diese Frage lautet: „Wie ist Naturwissenschaft ohne Naturbeobachtung im Experiment möglich?“ Ihre Beantwortung steht noch aus.“

Es folgen fünf Seiten, die die Belesenheit des Autors und dessen Vertrautheit mit den aktuellen wissenschaftstheoretischen Diskussionen demonstrieren. Dann wird es wieder interessant: „Der Wirklichkeitsbezug von Computersimulationen und ihre mögliche Rolle in den Naturwissenschaften ist wissenschaftsphilosophisch bisher kaum hinterfragt worden. Einen Anknüpfungspunkt für die Diskussion des Erkenntniswertes von Computersimulationen bietet allerdings die philosophische Debatte über Gedankenexperimente. Dort stellt sich die Frage, ob bzw. wie durch Denken allein Aussagen über die sinnlich erfahrbare und empirisch gegebene Wirklichkeit gewonnen werden können. Gedankenexperimente fügen der bestehenden empirischen Datenbasis kein neues Beobachtungsmaterial hinzu. Bereits bezüglich des Gedankenexperimentes muss also gefragt werden, ob der Wirklichkeitsbezug vorausgesetzt werden kann, ob er im Gedankenexperiment mit eigenen Mitteln hergestellt wird oder ob er vielleicht gar nicht besteht und die Aufgabe des Gedankenexperimentes im naturwissenschaftlichen Erkenntnisprozess anders zu begreifen ist. Gleichlautende Fragen lassen sich für Simulationen stellen.“

Die Lektüre der Einleitung hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck. Einerseits wird der Zugang zum Thema erfreulich klar dargelegt. Es gibt wenige philosophische Texte über Computersimulationen, aber es gibt Einiges über Gedankenexperimente. Lasst uns also gucken, was man in der älteren Debatte an möglichen Antworten für die neue Frage finden kann. Damit hat sich der Autor auf ziemlich clevere Weise eine Selbstermächtigung erteilt, die Philosophiegeschichte zu flöhen. Er tut das mit erkennbarer Freude daran, philosophische Klassiker wie Blaise Pascal in einen virtuellen Dialog mit zeitgenössischen Denkern wie Searle, Popper, Kripke zu zwingen. Andererseits irritieren Schwankungen in der Texthöhe. Zurückhaltende Argumente wechseln sich ab mit mutigen Wertungen.

Gerade manche Fußnoten erscheinen mir heute in ihren apodiktischen Urteilen arg präpotent. Dazu passt, dass der Autor im ganzen Text rund 20 mal „ich“ sagt. Ich (sic!) meine mich daran zu erinnern, dass der Autor mit dem Gebrauch des Personalpronomens eine bestimmte philosophische Absicht verfolgte. Wenn Philosophie im Wesentlichen als Austausch von Argumenten begriffen wird, dann gehört es zur intellektuellen Redlichkeit, Thesen und ihre Urheber klar zu benennen. Diese Haltung ist in der angelsächsischen Wissenschaftskultur verbreiteter als in der deutschen. Hierzulande gehört es zum guten Ton, als Wissenschaftler hinter sein Werk zurückzutreten und eine unpersönliche Form der Darstellung zu wählen. Dass sich der junge Doktorand damals bereits diesen Konventionen widersetzt hat, gefällt mir noch heute. Aber er ist ja später auch nicht Philosophieprofessor geworden, sondern Journalist und Wissenschaftsmanager.

Wie jeder typische akademische – also eilige – Leser bin ich inzwischen von der Einleitung zur Zusammenfassung gesprungen. Dazwischen habe ich kurz das Literaturverzeichnis gescannt. 152 zitierte Bücher und Aufsätze deuten auf hinreichenden Fleiß hin. Die kanonischen Werke sind allesamt vertreten. Aufsätze von Doktorvater und Zweitgutachter werden ebenfalls zitiert, auch wenn sie für die Fragestellung allenfalls am Rande wichtig waren. Der Autor weiß offenbar um die Gepflogenheiten der Zunft und um die Eitelkeit der Professoren.

Zurück zur Forschungsfrage: Was kann man durch reines Nachdenken über die empirische Welt lernen? Im Titel wurde (etwas) hochtrabend vom „Erkenntniswert“ gesprochen. Die Antwort lautet: „Ein Experiment mit Gedanken durchzuführen, bedeutet, Vorstellungen einer kontrollierten Variation zu unterwerfen. An Beispielen […] zeigt sich, dass diese Variation in bestimmten Fällen als ein deduktiver Vorgang aufgefasst werden kann, in dem der Inhalt synthetischer, empirisch gehaltvoller Prämissen expliziert wird. Als Prämissen, d. h. als Ausgangsbasis, von der das Experiment mit Gedanken seinen Ausgang nimmt, dienen Naturgesetze, Teile naturwissenschaftlicher Theorien oder andere Erfahrungssätze. Das Ergebnis der im Gedankenexperiment vollzogenen Explikation können Naturgesetze oder Erfahrungssätze sein, die vor der Durchführung des Gedankenexperimentes unbekannt waren. Da sich der empirische Gehalt der Prämissen auf die im Gedankenexperiment gezogene Schlussfolgerung überträgt, muss eine unabhängige empirische Überprüfung der Konklusion nicht erfolgen. In diesem Sinn kommt einem bestimmten Typus von Gedankenexperimenten […] eine eigenständige Leistung im Begründungszusammenhang naturwissenschaftlicher Erkenntnis zu.“ Mit anderen Worten: Man kann durch reines Nachdenken nichts über die Natur lernen. Aber man kann durch Nachdenken über Theorien über die Natur Neues über diese Theorien lernen. Das finde ich eine noch immer ganz hübsche Einsicht.

Wer sich ein eigenes Bild machen möchte, kann die Arbeit hier als PDF herunterladen: Virtuelle Erfahrung.

An den Pranger

Selbstverpflichtungen für gute Wissenschaftskommunikation sind nutzlos. Es bedarf einer öffentlichen Beschwerdestelle.

Am selben Tag, als der Siggener Kreis seine Leitlinien für gute Wissenschaftskommunikation vorstellte, fielen fast alle deutschen Medien auf einen abgefeimten PR-Coup herein. Selbst Leitmedien wie der SPIEGEL oder das Feuilleton der Süddeutschen Zeitung sprangen auf eine zur Sensation aufgeblasene Pressemeldung einer britischen Provinzuniversität an. Erstmals habe ein Supercomputer den Turing-Test bestanden und wurde von Testpersonen in einem freien Frage-und-Antwort-Spiel für einen echten Menschen gehalten. Wenn das stimmte, wäre es fraglos ein Durchbruch in der Entwicklung künstlicher Intelligenz. Es stimmte aber nicht. Der Wissenschaftsjournalismus hat in Deutschland ein Qualitätsproblem.

Aufrufe zu Redlichkeit und Ehrlichkeit auf Seiten der Pressestellen werden das Problem nicht lösen. Eine Selbstverpflichtung bindet immer nur die Bekehrten, nie die Ruchlosen. Dem Journalismus selber fehlt inzwischen die Kraft. Nach den Sparrunden der letzten Jahre mangelt es in den Wissenschaftsredaktionen (und nicht nur dort!) an Zeit und Köpfen, um gegen die Übertreibungen übereifriger Hochschulen anzurecherchieren.

Hilfe könnte von außen kommen. Der Deutsche Presserat prangert journalistisches Versagen an. Er ist seit 1956 ein wichtiges Instrument der freiwilligen Selbstkontrolle, an das sich jeder Zeitungsleser und Mediennutzer wenden kann. Einen Presserat für die Wissenschaft schlagen die Akademien der Wissenschaften einem gestern (!) veröffentlichten Papier zufolge vor (Zur Gestaltung der Kommunikation zwischen Wissenschaft, Öffentlichkeit und Medien, Juni 2014). Initiativen wie der stiftungsfinanzierte Mediendoktor (http://www.medien-doktor.de) machen gute und weniger gute Wissenschaftsberichterstattung sichtbar. Doch die Wirkung ist begrenzt. Beides sind nur punktuelle Eingriffe. Sie greifen erst, wenn das Kind schon im Brunnen liegt. Und sie richten sich gegen die Medien, nicht die Pressestellen. Wirksamer wäre eine Schwarze Liste für PR-Sünder. Ein Pranger? Ja, ein Pranger!

Die Erwartung: Pressestellen von Hochschulen, einzelne Wissenschaftler oder PR-Agenten werden disziplinierter arbeiten und sich vor Übertreibungen hüten, wenn sie für den schnellen publizistischen Erfolg einen dauerhaften Reputationsschaden befürchten müssen. Dazu bedarf es einer Institution, die ähnlich arbeitet wie der Presserat. Jeder Journalist kann sich an sie wenden, wenn er meint, Opfer einer bewussten Falschinformation zu sein. Die Beschwerde wird von einer unabhängigen Kommission geprüft und sanktioniert, bis hin zur öffentlichen Rüge. Noch ist das Zukunftsmusik. Aber es gibt in Deutschland einige Institutionen, die großes Interesse an einem unabhängigen und leistungsstarken Wissenschaftsjournalismus haben und sich dafür seit Jahren einsetzen. Darunter sind große Stiftungen und Dachorganisationen wie der Stifterverband, aber auch die großen Wissenschaftsorganisationen wie Max-Planck-Gesellschaft oder Deutsche Forschungsgemeinschaft. Mit deren Engagement könnte die Finanzierung eines PR-Rates für die Wissenschaft gelingen.

„Gute Wissenschaftskommunikation arbeitet faktentreu. Sie übertreibt nicht in der Darstellung der Forschungserfolge und verharmlost oder verschweigt ihr bekannte Risiken neuer Technologien nicht. Sie macht Grenzen ihrer Aussagen sichtbar. Außerdem sorgt sie für Transparenz der Interessen und finanzieller Abhängigkeiten. Sie benennt Quellen und Ansprechpartner. Sie beantwortet die Frage, welche Bedeutung die Informationen für Wissenschaft und Gesellschaft haben und ordnet sie in den aktuellen Forschungsstand ein. Sie weicht nicht für Zwecke des Institutionenmarketings oder der Imagebildung von Faktentreue und Transparenz ab.“ Diese Selbstverpflichtung aus dem Siggener Appell gewänne sehr an Überzeugungskraft, wenn sie Zähne bekommt.

Ein erster Kandidat für die Schwarze Liste wäre die Universität von Reading. Denn an dem Durchbruch bei der Entwicklung künstlicher Intelligenz, den beispielsweise Spiegel online am 9. Juni vermeldete, war nichts dran („Der unheimlich menschliche Eugene Goostmann“). Der berühmte britische Mathematiker Alan Turing (1912 – 1954) hatte den Test 1951 ursprünglich vorgeschlagen, um das Problem der Definition Künstlicher Intelligenz zu umgehen. Statt sich mit dem Innenleben der Maschinen zu beschäftigen, schaut man sich ihre Interaktion mit Menschen an. Der Test gilt als bestanden, wenn es einem Computerprogramm gelingt, eine Testperson in einem freien Frage- und Antwort-Spiel davon zu überzeugen, ein Mensch zu sein. Aus dieser Idee hat sich ein Wettbewerb für Konversationsprogramme entwickelt, der jährlich in London ausgetragen wird. Dort nun hatte das Programm „Eugene“ recht erfolgreich abgeschnitten, aber keineswegs erfolgreicher als andere Programme in der Vergangenheit und unter Beugung der Regeln. So hielt nur ein Drittel der Testpersonen das Programm wirklich für einen Menschen. Zudem machte es den Testern weis, ein 13-jähriger ukrainischer Junge zu sein, um sprachliche Schwächen und Verständnisprobleme zu erklären. Der Turing-Test bleibt eine Herausforderung für Maschinen, so wie guten Journalismus zu machen eine Herausforderung bleibt – für Journalisten und für PR-Profis.

 

Der Siggener Kreis ist eine Gruppe von Wissenschaftsjournalisten, Kommunikationsverantwortlichen großer Wissenschaftsorganisationen, Unternehmen und Stiftungen. Er traf sich 2013 und 2014 auf Gut Siggen, dem Seminarzentrum der Alfred Toepfer Stiftung in Holstein. Der Autor war nicht dabei. Den Aufruf gibt es hier: http://www.wissenschaft-im-dialog.de/wissenschaftskommunikation/weiterentwicklung/siggener-aufruf.html.

Die ursprüngliche Pressemeldung der Universität Reading zum Turing-Test gibt es hier: http://www.reading.ac.uk/news-and-events/releases/PR583836.aspx.

Zu diesemText: Die erste Fassung stammt bereits vom 12. Juni 2014. Dann schlummerte er sechs Tage in der Mailbox eines ignoranten Redakteurs. Inzwischen hatten sich die Akademien zur Wissenschaftskomunikation zu Wort gemeldet. Und gleich Kritik auf sich gezogen. Da musste es jetzt schnell gehen. Hier eine Linkliste zu einigen Kommentaren:

Alexander Mäder, Stuttgarter Zeitung: Nicht auf diesem Niveau. 17.6.14

Markus Pössel, Scilogs: Akademien geben Empfehlungen für Wissenschaftskommunikation. 17.6.14

Henning Krause, Hemholtz-Gemeinschaft: Live-Blog von der Ergebnispräsentation der Akademienstudie, 17.6.14

Jens Rehländer, Volkswagen-Stiftung: Welche Wissenschaftskommunikation der Siggener Kreis will. 10.6.14

Corporate Publishing tut dem Journalismus gut

Staatliche Museen und Theater geben journalistisch gut gemachte Magazine und Hefte heraus. Sie bezahlen das aus öffentlichen Mitteln. Johann Schloemann kritisiert dieses „neue Staatsfeuilleton im subventionierten deutschen Kulturföderalismus“ (Süddeutsche Zeitung vom 15.5.2014, hier online: „Das neue Staatsfeuilleton“). Eine ähnliche Entwicklung ist schon seit Jahren im Wissenschaftsjournalismus zu beobachten. Darauf weisen @fischblog, @tre_bol und andere auf Twitter hin. Aber ist das ein Problem? Ich meine: nein.

Schloemann beschreibt eine auf den ersten Blick gute Entwicklung. Anspruchsvolle journalistische Darstellungsformen breiten sich aus dem Feuilleton in andere journalistische Themenfelder aus. Autoren und Künstler erhalten gut bezahlte Aufträge im Corporate-Publishing-Sektor. Dem bekannten Münchener Feuilletonredakteur aber behagt das nicht so recht:

„Es ist nicht leicht, das neue Staatsfeuilleton im subventionierten deutschen Kulturföderalismus als Problem zu benennen. Zu leicht gerät man in das Netz von Neid und Betriebsnähe, von dem hier eingangs die Rede war. Viele gute Kollegen, viele geschätzte Autoren beteiligen sich daran. Aber man sollte sich trotzdem fragen, was für eine öffentliche Sonderwelt da herangewachsen ist.

Die staatlichen Organe zahlen auch oft stattliche Honorare, was den schrumpfenden Honorartöpfen vieler Zeitungen ebenso zusetzt wie den kleineren Kulturzeitschriften. Manches am Staatsfeuilleton ist Volksbildung, anderes aber ist eher „Corporate Publishing“, nur dass die Firma hier der Staat ist und der Kunde sein Steuerzahler.“

Die Kritik ist zart formuliert und nur angedeutet. Zugespitzt lesen sich die Argumente etwa so:

1. Eigene Magazine herauszugeben gehört nicht zum Auftrag öffentlicher Kulturinstitutionen. Wenn sie es dennoch tun, vergeuden sie Steuergelder.

2. Die staatlichen Auftraggeber verderben die Preise. „Echter“ Journalismus hat es dadurch schwer.

Im Wissenschaftsjournalismus wird schon seit Jahren eine vergleichbare Qualitätsdebatte geführt. Große Wissenschaftsorganisationen, Wissenschaftsförderorgansationen wie die Deutsche Forschungsgemeinschaft oder der Stifterverband geben viel Geld aus, um Themen aus der Wissenschaft anspruchsvoll journalistisch aufzubereiten. Der Autor dieser Zeilen hat das selber viele Jahre an verantwortlicher Stelle getan. Argument 1 trifft auch Leibniz-Gemeinschaft, Max-Planck-Gesellschaft und andere, bis hin zum Bundesforschungsministerium. In der älteren Debatte taucht häufig ein weiteres Argument auf:

3. Wissenschafts-PR ist interessengeleitet und von daher gar kein Journalismus. Wenn die Herausgeber dennoch so tun, als informierten sie objektiv über Themen aus Forschung und Wissenschaft, so führt das die Leser in die Irre. Das ist eine milde Form von Betrug.

Alle drei Argumente lassen sich leicht entkräften.

1. Werbung für die eigenen Produkte zu machen und die Kundenbindung zu pflegen gehört zur originären Aufgabe von Theatern und Museen. Zur Aufgabe von Wissenschaftsorgansationen gehört, die Öffentlichkeit über die eigene Arbeit zu informieren. Eine weitere wichtige Aufgabe ist es, die eigenen Interessen so zu vertreten, dass die Arbeitsfähigkeit gesichert bleibt. PR ist legitim, ein Magazin kann im Kommunikationsmix ein wichtiges Element sein.

2. Aus den Geschäftsführungsetagen des Journalismus gibt es immer wieder den Ruf nach direkten staatlichen Subventionen, um die Rolle der „vierten Gewalt“ für Rechtsstaat und Demokratie zu stärken. Vor diesem Hintergrund fände ich eine gewisse Entspanntheit gegenüber indirekten Subventionen ganz angebracht. Denn um nichts anderes als eine indirekte Subvention handelt es sich, wenn Autoren und Journalisten für PR-Aufträge angemessene Honorare erhalten. Diese Honorare ermöglichen es vielen meist freien Journalisten überhaupt erst, originär journalistische, aber schlecht bezahlte Aufträge anzunehmen.

3. Die Leser sind nicht dumm. Sie würden es merken, wenn ihnen tendenziöse Sichtweisen untergejubelt werden sollen. Und wo nicht, gibt es fähige Journalisten, die den Beeinflussungsversuch aufdeckten. Der Schaden an der Reputation wäre riesig und stünde in keinem Verhältnis zum schnellen Nutzen. Weil das so ist und die meisten Wissenschaftsorganisationen professionell arbeiten, passiert das nicht.

Ok. Vielleicht passiert es doch. Aber selten. Und die Frage, wie weit es mit der Objektivität und Unabhängigkeit des Journalismus überhaupt her ist – die steht auf einem anderen Blatt.

Bahngeschichte VIII: Profis schweigen

Bei jeder Zugfahrt kommt irgendwann der Moment, in dem Mitreisende über die Bahn schimpfen. Zu teuer, zu spät, zu unfreundlich. Wir Vielfahrer schweigen dann wissend. Denn wer so redet, gibt sich als jemand zu erkennen, der nur selten Bahn fährt.

Neulich musste ich mit dem Auto an einem Freitagnachmittag von Heidelberg nach Kassel fahren. 300 Kilometer, auf denen das Gesetz des Dschungels herrschte. Alle wollen schnell nach Hause, viele sind müde, die Stimmung ist aggressiv. Ich werde Zeuge von zwei Massenkarambolagen. In den Kasseler Bergen liegt ein BMW malerisch auf dem Dach. Dahinter staut sich der Verkehr auf 30 Kilometern. Es ist zum Glück die Gegenrichtung. Wie entspannt ist dagegen die Weiterfahrt von Kassel nach Berlin drei Tage später. Da sitze ich nämlich in einem ICE der Deutschen Bahn.

Im Speisewagen trinke ich Kaffee. Mit normaler Milch (vgl. Bahngeschichte 4). Draußen zieht Landschaft vorbei. In einer Stunde geht es über die Elbe. Vielleicht zeigen sich in Brandenburg sogar die seltenen Großtrappen.

Plötzlich geht es am Nebentisch los: „Fast hätten wir den Anschluss in Hannover nicht bekommen. Und es gab mal wieder keine Durchsage, dass der Zug falsch rum gereiht ist. Typisch. Da fährt man einmal im Jahr mit der Bahn. Und dann das.“ Jetzt bloß keinen Fehler machen. Ich könnte davon berichten, wie mich ein Schaffner vor 25 Jahren als Student mal sehr von oben herab behandelte. Oder von zwei Stunden zwischen Jena und Weimar, als sich ein Selbstmörder vor den Zug geworfen hatte. Oder von den ICEs mit fehleranfälliger Neigetechnik, die ab 2000 zwischen Frankfurt am Main und Dresden eingesetzt wurden und regelmäßig stundenlange Verspätungen einfuhren. Von ausgefallenen Klimaanlagen. Von unbenutzbaren Toiletten. Oder vom Stau auf der Schnellbahnstrecke Köln – Frankfurt-Flughafen. Doch das mache ich nicht. Denn verglichen mit den Erlebnissen auf deutschen Autobahnen sind das Kleinigkeiten. Und selten sind die unerfreulichen Erlebnisse noch dazu.* Ich beharre darauf: Das Reisen in großen Wagen mit Chauffeur ist sehr angenehm. Trotz der Beifahrer.

*Eine Einschränkung muss ich machen. Als der Bahnchef Mehdorn hieß und die Bahn sich an der Lufthansa orientierte, war Bahnfahren eine Zeitlang kein Vergnügen. Damals (2002) benannte die Bahn nicht nur die Züge nach dem Vorbild der Fluggesellschaft nach Städten um, sondern versuchte, aus dem Fahrplan noch die letzten Minuten herauszuquetschen. Als Folge gab es keine Zeitpuffer mehr, so klappten die Anschlüsse tatsächlich oft nicht. Inzwischen haben die Verantwortlichen aber erkannt, dass Bahnfahrer nicht möglichst schnell von A nach B kommen wollen, sondern besonders sicher, bequem und flexibel.

Unnötige Bürokratie macht Weiterbildung unnötig teuer

Viele Vorschriften zur Qualitätssicherung von Weiterbildungen sind kontraproduktiv und überflüssig. Warum? Das erkläre ich in einer aktuelle Kolumne in der Maiausgabe von Training aktuell, der führenden Trainerzeitschrift (hier lesen). Den etwas ausführlicheren Text gibt es in meinem Blog.

Neulich fühlte ich mich wie der Hauptmann von Köpenick. Der Autor Carl Zuckmayer (1896 – 1977) schickt in seinem gleichnamigen Roman den arbeitslosen Schuster Friedrich Wilhelm Voigt in eine bürokratische Endlosschleife. Voigt kann sich daraus nicht befreien. Als er nicht mehr weiter weiß, raubt er als falscher Hauptmann mit einem Trupp gutgläubiger Soldaten die Köpenicker Stadtkasse. Wer sich heute als Weiterbildungsanbieter im Interesse seiner Teilnehmer mit Bildungsgutscheinen und Bildungsurlaub beschäftigt, blickt in bürokratische Abgründe wie damals der Schuster Voigt.

Viele Bundesländer fördern die Weiterbildung ihrer Bürger. Im Prinzip ist das eine gute Idee. Es gibt Bildungsgutscheine, den Qualischeck oder Bildungsurlaub. Damit das Geld nicht bei halbseidenen Anbietern landet oder für Töpferkurse in der Toskana ausgegeben wird, haben sich die Ministerien Methoden der Qualitätssicherung ausgedacht. Das ist auf den ersten Blick nachvollziehbar. Da aber jedes Bundesland sein eigenes Regelwerk für die Anerkennung, Akkreditierung und Zertifizierung erlässt, muss ein deutschlandweit tätiger Weiterbildner Unsummen ausgeben und Qualitätsnachweise in vielen Stunden mühsam zusammentragen.

So haben Angestellte in Nordrhein-Westfalen (NRW) Anspruch auf bis zu fünf Tage zusätzlichen Urlaub, wenn sie an diesen Tagen eine Weiterbildung besuchen. Die Bildungsveranstaltung muss aber staatlich anerkannt sein. Für Akademien mit Sitz außerhalb des Bundeslandes ist die Bezirksregierung Detmold zuständig. Dort kann man sich in die Liste der anerkannten Anbieter aufnehmen lassen. Das ist kompliziert und teuer.

Was hat sich das NRW-Landesparlament dabei gedacht? Warum überlässt es der Gesetzgeber nicht Arbeitgebern und Arbeitnehmern, sich frei über Zeit, Ort und Inhalt eines Bildungsurlaubs zu verständigen? Die Gründe sind Kontrollwahn und Geiz. Behörden haben gern die Kontrolle. Lieber erlassen sie eine Regel zu viel als eine zu wenig. Schließlich macht ein Beamter nicht Karriere, wenn er Erfolge hat, sondern, wenn er Fehler vermeidet. Dass auf diese Weise erst recht Zeit und Geld vergeudet werden, ist nicht schlimm. Es trifft schließlich den Anbieter. Der holt sich die Kosten aber von seinen Kunden zurück. Mit anderen Worten: Bürokratie macht Weiterbildung teurer, als sie sein müsste.

Zweitens sollen nicht zu viele Leute Bildungsurlaub machen. Er kostet die öffentliche Verwaltung viel Geld, schließlich fahren auch Behördenmitarbeiter in die Bildungsferien. Besser, dem Füllhorn gleich eine Drosselklappe einzubauen. Dann sind auch die Arbeitgeber nicht so sauer. In Baden-Württemberg laufen sie gerade Sturm gegen die Pläne von Wirtschaftsminister Nils Schmid, ein Bildungsurlaubsgesetz zu erlassen. Man darf Schmid Standhaftigkeit wünschen. Aber hoffentlich nimmt er sich nicht NRW zum Vorbild.

Von den Verbänden der Weiterbildungsanbieter ist nur wenig Hilfe zu erwarten. Viele von ihnen vergeben eigene Qualitätssiegel und haben wenig Interesse, das Akkreditierungskarussell anzuhalten. Dabei ist es ein offenes Geheimnis unter Weiterbildungsanbietern, dass Zertifizierungen nur den Anschein von Qualität schaffen. Den Schuster Voigt gab es übrigens wirklich.

Bahngeschichten VII: Ein tiefer Zug im Zug

Die Deutsche Bahn hat 2007 ein komplettes Rauchverbot in ihren Zügen verfügt. Seither hält das Bahnfahren eine weitere Demütigung für Raucher bereit: Ein Atemzug demaskiert die Süchtigen.

Wir Vielfahrer kennen das Bild: Ein Bahnreisender nutzt den Drei-Minutenhalt für die schnelle Zigarette. In Köln oder Frankfurt sind es sogar fünf Minuten; dort wechselt der Zug die Richtung. Einen Fuß in der Tür, raucht er (es sind fast immer Männer) seine Zigarette in wenigen hastigen Zügen weg. Wenn der Zugbegleiter zur Abfahrt pfeift, fliegt die Kippe ins Gleisbett, die Tür schließt sich, der letzte nikotingeschwängerte Atemzug entweicht im Waggon. Genuss sieht anders aus. Und die Mitreisenden blickend sich schnuppernd und wissend an: Hier ist ein Mensch, den die Sucht im Griff hat.

Wenn die Raucher wüssten, welches beschämende Bild sie abgeben, so ginge davon womöglich ein starker Impuls aus, das Rauchen aufzugeben. Mit diesem Gedanken im Kopf setzte ich mich in den Speisewagen und bestelle den ersten Weißwein. Man gönnt sich ja sonst nichts.

 

Die ganz große Koalition der Bevormundung

Sollen Menschen Hilfe bekommen, die sterben wollen, aber sich nicht selbst töten können? Sollen sie vielleicht sogar einen Anspruch auf aktive Sterbehilfe haben? Kirchen, Prominente wie Franz Müntefering, Ärzteverbände und Parteien sagen Nein. Mich überzeugen die Argumente nicht. Ein Plädoyer für Autonomie und Freiheit am Lebensende.

Gegner aktiver Sterbehilfe führen typischerweise fünf Argumente für ihre Position an.

Argument 1: Menschen könnten sich gegen ihren Willen zum Sterben genötigt fühlen.

Müntefering und andere beschwören das Bild des alten Mütterchens herauf, das seinen Verwandten nicht länger zur Last fallen will und sich deshalb für den Freitod entschließt oder von diesen dazu gedrängt wird. Das Bild ist so eindrücklich, dass es leicht überdeckt, wie wackelig die Hypothese ist. Nötig wäre ein empirischer Beleg dafür, dass es das Mütterchen (und dessen ruchlose Verwandtschaft) überhaupt gibt. Dass die Zahl assistierter Freitode alter Menschen in Ländern wie den Niederlanden mit liberaler Sterbehilfepraxis nicht steigt, spricht dagegen.

Hinzu kommt, dass Autonomie und Freiheit des Einzelnen zu den wichtigsten Grundwerten unserer Gesellschaft gehören. Ein ganzes Erwachsenenleben lang treffen wir eigenverantwortlich Entscheidungen. Viele sind gut, andere dumm, manche für Dritte nicht nachvollziehbar. Wieso das am Lebensende und im Angesicht der letzten Fragen plötzlich anders sein soll, will mir nicht in den Kopf.

Wie wäre es, aktive Sterbehilfe zu gestatten, aber eine Beratungspflicht einzubauen? Das könnte die Sorge der Gegner lindern, dass sich jemand unter Zwang das Leben nehmen will. Die Regelung zur Abtreibung mit Fristenlösung und Schwangerenkonfliktberatung könnte als Vorbild dienen.

Argument 2: Die Palliativmedizin kann das Leid am Lebensende so weit lindern, dass Sterbehilfe nicht nötig ist.

Mag sein. Doch wäre es eine Bevormundung, die mit den Prinzipien unserer freiheitlichen Gesellschaft unvereinbar ist, Menschen das Recht auf den eigenen Tod zu verweigern. Der Schriftsteller Wolfgang Herrndorf (1965 – 2013) beschreibt in „Arbeit und Struktur“ sehr eindrücklich, wie befreiend für ihn das Wissen war, seinem Leben selbstbestimmt ein Ende setzen zu können.

Argument 3: Was, wenn der Todeswunsch einer Krankheit entspringt, die die Entscheidungsfähigkeit beeinträchtigt?

Kranke müssen behandelt werden. Ansonsten gilt: Gesunde haben Aspruch auf Respekt vor ihren Entscheidungen.

Argument 4: Gott hat die Selbsttötung verboten. Also ist Sterbehilfe Sünde.

Deutschland ist im Prinzip ein laizistisches Land. Kirche und Staat sind getrennt (auch wenn das nicht überall sauber durchgehalten wird). Glaubensgemeinschaften dürfen Regeln für die eigenen Mitglieder erlassen. Sie haben aber keinen Anspruch darauf, andere zu bevormunden.

Argument 5: Es ist ein Unding, am Sterben anderer Menschen Geld zu verdienen.

Friedhofsgärtner, Steinmetze und Bestatter verdienen ihr Geld mit dem Tod. Das findet auch keiner anrüchig. Hinzu kommt: Ein Sterbehilfeverein gefährdet nicht die Jugend und beeinträchtigt Dritte nicht in ihrer Entfaltung. Es gibt aus meiner Sicht somit keine Gründe, die Gewerbefreiheit einzuschränken.

Argument 6: Auf A wie aktive Sterbehilfe folgt bald E wie Euthanasie.

Das ist kein Argument, sondern der Popanz eines Arguments. Das Argument rührt zwei Dinge zusammen, zwischen denen ein tiefer Graben liegt. Auf der einen Seite geht es um die Hilfe bei der Selbsttötung eines erwachsenen Menschen mit wachem Verstand, auf der anderen Seite um die Frage, ob der Staat oder irgendeine andere Instanz darüber bestimmen darf, Menschen zu töten, die sich selbst nicht artikulieren können. Zu behaupten, die meisten Menschen könnten nicht den Unterschied erkennen, beleidigt den Verstand.

Man kann Ersteres entschieden bejahen, und Letzteres ebenso entschieden ablehnen. So wie ich es tue.

Rausgeworfenes Geld

 Ein Plädoyer für sparsame Werbung für Weiterbildungsangebote

Weiterbildungsanbieter bewegen sich auf einem umkämpften und stark geschichteten Markt. Es findet sich immer ein Seminarveranstalter, der die vermeintlich selbe Sache billiger anbietet. Das Dozentenhonorar lässt sich hier noch ein wenig drücken, die Zahl der Kursteilnehmer da noch ein wenig erhöhen. Blöd nur, dass dann die Qualität des Angebots leidet. Die Preisspannen sind ohnehin riesig. Den Grundkurs Philosophie der Volkshochschule Heidelberg mit sechs Abendterminen gibt es für 40 Euro. Für den Besuch eines zweitägigen Wirtschaftskongresses, den prominente Redner zieren, werden schnell mal 2500 Euro fällig. Erschwerend kommt hinzu, dass Qualität und Preis keineswegs korrelieren müssen.

Das liegt unter anderem daran, dass die Werbung ein enormer Kostentreiber ist. Es gibt Weiterbildungsanbieter, die die Hälfte des Umsatzes für Anzeigen, Flyer und andere Werbemaßnahmen aufwenden. Nun nützt das schönste Weiterbildungsangebot nichts, wenn niemand davon erfährt. Dennoch ist aus meiner Sicht Zurückhaltung angebracht. Seriöse Weiterbildungsanbieter sind gut beraten, teuere Werbekampagnen und Anzeigen behutsam einzusetzen. Zwei Argumente sprechen dafür – ein  pragmatisches und ein ethisches.

Das pragmatische Argument. Anzeigenwerbung ist teuer und nutzlos. Von Marketingpionier John Wanamaker (1838 – 1922) stammt der berühmte Satz: „Half the money I spend on advertising is wasted; the trouble is I don’t know which half.“ Doch wenn die Hälfte des Werbebudgets rausgeschmissenes Geld ist, gibt es dann nicht kostengünstigere Wege? Die gibt es in der Tat. Die Pflege von Empfehlungsnetzwerken mit regelmäßigen elektronischen News wäre eine Option, um die wichtigsten Multiplikatoren, zufriedene Absolventen, zu gewinnen. Vor allem aber ist ein aussagekräftiger und aktueller Internetauftritt längst unverzichtbar. Der Verzicht auf zwei Anzeigen wiegt das Gehalt für den Webredakteur im Monat locker auf.

Ein Problem sei nicht verschwiegen: Internetinfos erreichen nur die Weiterbildungskunden, die schon wissen, wonach sie suchen. Um Kunden überhaupt erst auf den Geschmack oder die Idee zu bringen, bedarf es anderer Dinge. Klassische Werbung wird also weiter ein Mittel sein. Wenn sie doch nur nicht so teuer wäre!

Das ethische Argument. Einen maßgeblichen Teil des Umsatzes für Werbung auszugeben, benachteiligt die Kunden. Denn diese kommen letztlich mit ihren Seminargebühren für alle Unkosten auf. Sie bezahlen nicht nur den Trainer, den Ort und die Verwaltung, sondern – alles, also auch die Werbung. Doch während die Weiterbildungsteilnehmer von einem qualifizierten Dozenten und einem ansprechenden Lernort unmittelbar einen Nutzen haben, ist das bei den teuren Anzeigen nicht so.

Hier unterscheidet sich die Weiterbildungsbranche von anderen Wirtschaftszweigen wie etwa der Konsumgüterindustrie. Bei einem Limonadeproduzenten wie Coca-Cola wäre die Trennung von Herstellung, Vertrieb, Werbung künstlich und willkürlich. Alle Unternehmensteile sind für den Unternehmenserfolg nicht nur unverzichtbar. Die Werbung erzeugt in gewisser Weise überhaupt erst den Markt mit ihrem emotionalen Nutzenversprechen, den das Produkt dann befriedigt.

Weiterbildner verfügen im Unterschied dazu über ein Produkt („Bildung“), dass gemäß eines breiten gesellschaftlichen Konsenses als wertvoll und förderungswürdig gilt. Dieses Privileg gilt es zu pflegen. Es schadet nicht, wenn Akademien ihre Besonderheiten kultivieren. Gleichwohl wird der aufmerksame Leser auch 2014 gelegentlich eine Anzeige der Akademie für wissenschaftliche Weiterbildung entdecken. Und zwar diese:

Imageanzeige 2014